Eine bemerkenswerte Kleine Geschichte Prags

 

Siehe auch hier und hier 

 

Tobias Weger ist ein außergewöhnliches Buch gelungen: eine „Kleine Geschichte Prags“ (Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2011). Über die Prager Stadtgeschichte ist seit Jahrhunderten sehr viel geschrieben worden, ob in umfangreichen, vielbändigen Werken besserer oder minderer Qualität, in kurzen Handbüchern, in Essays und, last but not least, selbst in Gedichten. Dennoch ist dieses Buch ungewöhnlich.

 

Es gibt kaum eine europäische Stadt, die so oft mit den Adjektiven ‚geheimnisvoll‘, ‚magisch‘ oder ‚fantastisch‘ verknüpft worden wäre. Dabei werden Prags ‚Steine‘ häufig in überschwänglichen Tönen besungen, während dessen Einwohnern kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird. Für ausländische Besucher und Leser pflegt man die Schönheit des Stadtbilds zu beschreiben und auf jene Meilensteine der europäischen Geschichte zu fokussieren, die mit dieser Stadt verknüpft werden – beispielsweise die Geschichte des böhmischen Königs und deutschen Kaisers Karls IV. oder der als Auftakt für den Dreißigjährigen Krieg bekannte Prager Fenstersturz von 1618. Hinweise auf die Hussitenkriege, auf den Zerfall der Habsburgermonarchie von 1918, das Münchener Abkommen von 1938 oder auf den Prager Frühling von 1968 pflegen derartige schematische Geschichtsbilder Prags zu ergänzen.

 

Nur die Tschechen – anders als die internationale Öffentlichkeit – kennen ein Jahrhunderte hindurch von Menschen in ihrem Alltag bevölkertes Prag, sei es während der großen dramatischen Ereignissen europäischer Tragweite, während national spezifischer geschichtlicher Episoden, oder in den Scharmützeln kleiner Straßengeschichten. Abertausende in tschechischer Sprache literarisch tradierte Berichte über Prag bilden eine einmalige Quellensammlung nicht nur zur Geschichte der Stadt, aber der Böhmischen Länder insgesamt, denn wie Tobias Weger in seiner Einleitung bemerkt: „Prag ist eine Stadt, in deren Gestalt sich eine viele Jahrhunderte zurückreichende Geschichte in einer einmaligen Bausubstanz, aber auch in der Haltung ihrer Bewohner verdichtet hat.“ (S. 9)

 

Dass sich der Prager Touristenalltag seit Generationen kaum veränderte, zeigt der von Tobias Weger als Ausgangspunkt ausgewählte Bericht eines amerikanischen Besuchers aus dem Jahre 1845:

 

„Ich fühle mich in dieser fremdartigen, phantastischen, aber schönen Stadt, als wäre ich in einer anderen Welt. Wir sind den ganzen Tag durch gewundene Straßen geschweift, haben manchmal bei einer Kirche Halt gemacht, um die verstaubten Gräber oder Altäre zu besichtigen oder der edlen Musik zu lauschen, die die Morgenmesse begleitet. Ich habe noch nie eine Stadt gesehen, die mich dermaßen mit Gewalt an die Geschichte erinnert hätte. Die Sprache trägt zu diesem Eindruck das Ihre bei. Drei Viertel der Menschen auf den Straßen sprechen Böhmisch, und viele Hinweise sind in derselben Sprache geschrieben, die keinerlei Ähnlichkeit zum Deutschen aufweist. Der Palast der böhmischen Könige blickt noch immer von den westlichen Höhen hinab auf die Stadt, und ihre Gräber befinden sich im Dom. Wer die steinernen Stiegen zur Burg erklommen hat, dem eröffnet sich eine großartige Aussicht. Das turmreiche Prag liegt drunten im Tal, von der Moldau mit ihren grünen Inseln durchflossen, ehe sie zwischen den Hügeln im Norden entschwindet.“[1]

 

Mit dementsprechend oberflächigen Geschichtsinformationen kommen die meisten Besucher bis heute aus. Die Geschichte der Stadt Prag für deutsche Leser zu schreiben stellt zudem eine besondere Herausforderung dar. Halten doch viele Deutsche seit Generationen Prag für eine ‚deutsche Stadt‘, obwohl etwa der soeben zitierte Amerikaner 1845 feststellte: „Drei Viertel der Menschen auf den Straßen sprechen Böhmisch, und viele Hinweise sind in derselben Sprache geschrieben, die keinerlei Ähnlichkeit zum Deutschen aufweist.“ Deshalb protestierten nur wenige Deutsche, als Hitler Prag besetzte und die NS-Propaganda trommelte:

 

„Am 16. März 1939 konnte der Führer aus den Fenstern der alten deutschen Kaiserburg zu Prag, die im Wandel der Zeiten so viele Fürsten, Könige und Kaiser beherbergt hatte, auf die hunderttürmige alte Stadt zu seinen Füßen blicken, deren Bewohner zwar nun in der Mehrzahl tschechisch, deren Steine, Türme und Baudenkmale aber wie immer deutsch redeten.“[2]

 

In Wirklichkeit ist Prag nie eine deutsche Stadt gewesen. Nur einige ihre Bewohner sprachen deutsch, und nur zeitweise wurde dort die deutsche Sprache privilegiert. Im Jahre 1910 gaben nur sieben Prozent aller Prager Deutsch als ihre Umgangssprache an, und im Jahre 1930 bekannten sich von insgesamt 848 948 Pragern nur 45 819 (= 5,4 %) zur deutschen Nationalität, davon 8 088 Juden.[3] Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges hielten sich dort nur noch 23 330 von den deutschen Behörden als Deutsche anerkannte Menschen auf[4], und der sudetendeutsche Publizist Emil Franzel schätzte, dass es zu Kriegsbeginn vielleicht nur „noch 12 000 Deutsche, ein Prozent der Prager Gesamtbevölkerung“[5] gewesen seien. Darüber hinaus ‚sprachen bei weitem auch die Prager Steine nicht deutsch‘, wie die unzähligen Namen tschechischer, italienischer oder französischer Baumeister beweisen.

 

Wie schreibt man aber eine „kleine Geschichte Prags“ für jene Leser, die die mentale Konstruktion von Prag als einer ehemals deutschen Stadt im Kopf haben, über die üblichen historischen Kleininformationen verfügen und sich im Geschehen einer tschechischen Stadt orientieren sollen, in der jahrhundertelang viele Ausländer ein- und ausgingen, in der sich immer wieder Fremde niederließen und neben einer heute oft hervorgehobenen deutschen und einer jüdischen Minderheit lebten und in der die österreichischen Regierungen nahezu drei Jahrhunderte lang das Sagen hatten?

 Tobias Weger fand eine bemerkenswerte Lösung, zu der ihm ein eigentlich recht einfaches Rezept verhalf: Seine „Kleine Geschichte Prags“ ist kein Loblied der alten Prager ‚Steine‘, sondern eine Erzählung über die historischen Erfahrungen der Prager Bevölkerung. Daraus ergibt es sich von selbst, dass er eine multikulturelle Darstellung vorlegt, ohne die heute modisch gewordene ethnisierende Verkrampfung. Er präsentiert nicht einen tschechischen, deutschen oder jüdischen ‚Beitrag‘ zur Geschichte Prags, er schildert kein ‚Kulturerbe‘ des einen oder anderen Teils der Prager Bevölkerung, und bemüht sich nicht zu begründen, ob Prag zu dem oder jenem Zeitpunkt eine tschechische oder eine deutsche Stadt, oder keines von beiden gewesen sei. In seinen Schilderungen begegnen wir der früher so wie heute selbstverständlichen Multikulturalität einer jeden attraktiven europäischen Großstadt.

 

Dieses Buch zeigt wie kein anderes, wie Menschen unterschiedlicher Nationalitäten in Prag nicht nur lebten, sondern und vor allem, wie die dort lebende Bevölkerung im permanenten Kontakt mit ihrer gesamteuropäischen Umwelt stand. Dass dabei die tschechische Bevölkerung Prags stets in der Mehrheit war, wird anhand dieser Darstellung ebenso deutlich, wie die stetige intensive Verflechtung der Tschechen mit anderen Europäern – womit hier allerdings am Beispiel Prags auch ein Porträt der intensiven gesamteuropäischen Gegenseitigkeit entsteht. Die Geschichte Prags kann als die Geschichte einer tschechischen Stadt geschrieben werden, wenn wir die hier in ihrer Selbstverständlichkeit mit dargestellten multikulturellen Verflechtungen mitdenken; sie kann ganz bestimmt nicht als die Geschichte einer deutschen Stadt geschrieben werden, da vor dem dargestellten multikulturellen Hintergrund die Prager deutsche Bevölkerung nie dominierte, sondern nur mitwirkte. Die Geschichte Prags kann auch nicht als die Geschichte einer Zwei- oder Drei-Völker-Stadt geschrieben werden, wie heute oft mit der Hervorhebung der Prager deutschen und jüdischen Bevölkerung geschieht, weil man damit manche der gesamteuropäischen Anteile an Prager Geschichte unbegründeter Weise auf Kosten anderer herausheben würde.

 

Tobias Weger ist ein Meisterwerk gelungen, weil er in einer räumlich knappen Erzählung hoch komplexe Zusammenhänge tschechischer und europäischer Geschichte, wie sie sich am Beispiel Prags einem sorgfältigen Beobachter erschließen, darzustellen vermochte.

 

© Eva Hahn, Augustfehn


 


[1] J. Bayard Taylor: Views a-foot; or: Europe Seen with Knapsack and Staff, New York 1846, Bd. 1, S. 215

[2] K. H. Frank: Böhmen und Mähren im Reich, Prag 1941, S. 27

[3] Gary B. Cohen: The Politics of Ethnic Survival: Germans in Prague 1861-1914, Princeton NJ 1981, S. 92 f., und Joachim Bahlke/Winfried Eberhard/Miloslav Polívka (Hg.): Böhmen und Mähren, Stuttgart 1998, S. 487

[4] Dějiny Prahy. Bd. II: Od sloučení pražských měst v roce 1784 do současnosti, Praha-Litomyšl 1998, S. 384

[5] Emil Franzel: Gegen den Wind der Zeit. Erinnerungen eines Unbequemen, München 1983, S. 370