Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende?
Sudetendeutsche
Organisationen, 1945-1965, Frankfurt am Main 2008, 635 S.
In Deutschland sind die Kontinuitäten zwischen dem nationalsozialistischen
Regime und den Vertriebe-nenorganisationen der Nachkriegszeit kaum bekannt. Aus
diesem Grunde stößt Kritik an den Vertriebe-nenverbänden und ihrer
Geschichtspolitik selten auf Verständnis. Die erste Studie, die diesen weißen
Fleck füllt, legte im Jahre 2008 Tobias Weger vor. Sie deckt ein beträchtliches
Spektrum der Vertriebenen-verbände ab, da die sudetendeutschen Organisationen an
der gesamten Vertriebenenpolitik maßgeblichen Anteil hatten.
Tobias Weger untersuchte detailliert die Entstehung und Frühgeschichte der heute
bekanntesten sudeten-deutschen Organisationen, darunter der Sudetendeutschen
Landsmannschaft, des Sudetendeutschen Rats, der Ackermann-Gemeinde, der
Seliger-Gemeinde und des Witikobundes, des Adalbert-Stifter-Verein oder des
Collegium Carolinum. Er zeigt die engen strukturellen und personellen
Verflechtungen der genannten Vereinigungen ebenso wie das von Organisationen wie
der Sudetendeutschen Jugend oder der „im April 1950 von Männern wie Ernst Frank
[Bruder des berüchtigten Karl Hermann Frank] gegründete[n] Ar-beitsgemeinschaft
sudetendeutscher Turnerinnen und Turner“ (S. 310) geprägte Milieu. Erst die hier
vor-liegende Studie verdeutlicht, wie diese organisatorische Gesamtstruktur
direkt und unmittelbar eine Fort-führung des zuvor in der Tschechoslowakei und
ab 1938 im nationalsozialistischen Großdeutschen Reich existierenden zutiefst
politisierten Vereinswesens gewesen ist. Die Deutschen wurden zwar aus einem
Land ins andere umgesiedelt, aber ihre kulturellen und politischen Traditionen
und Praktiken wurden in ihrer neuen Heimat rasch reaktiviert.
Es wäre naiv sich vorzustellen, dass sich in den sudetendeutschen
Vertriebenenorganisationen die Vertrie-benen auf eine neue Weise entsprechend
ihrer veränderten Lebenslage organisiert hätten. Wie Tobias Weger anschaulich
zeigt, führten selbst Bereiche wie die sudetendeutschen Geschichtsbilder und
Ge-schichtspolitik (S. 325-358), Festkultur im Jahreslauf (S. 359-386), Fahnen
und Wappen (S. 387-401) sowie Tracht und Uniform (S. 402-411) die altbekannten
Traditionen fort. Seine Belege für die Kontinuitäten in ‚den Köpfen‘ der
organisierten Sudetendeutschen bieten eine völlig neue Sicht des bundesdeutschen
Ver-triebenenwesens. Darüber hinaus findet sich hier eine außergewöhnlich breite
Quellengrundlage für jed-wede weitere Erforschung der allgemeinen
Mentalitätsgeschichte.
Einen umfangreichen Teil dieser Studie bietet die Untersuchung über den „Vorstoß
der Sudetendeutschen in die Politik“ (S. 413-536). Hier werden die politischen
Folgen der zuvor dargestellten organisatorischen, personellen und
kulturhistorischen Kontinuitäten gezeigt. Anhand der an die neue Lage
angepassten poli-tischen Zielsetzungen fand, wie Tobias Weger detailliert
nachweist, eine frappierende direkte Fortsetzung sudetendeutscher völkischer
Politik Eingang in das politische Leben der Bundesrepublik. Der Begriff
‚sudetendeutsch‘ wurde zwar allgemein als die Bezeichnung der aus der
Tschechoslowakei vertriebenen Deutschen verstanden, aber in Wirklichkeit
repräsentierten die sudetendeutschen Organisationen nur einen Teil von ihnen –
nämlich die Anhänger der ‚sudetendeutschen Bewegung‘:
„Die sudetendeutsche Bewegung ist ein Teilaspekt ethnonationalistisch
motivierter Massenorgani-sationen zu sehen, die sich in der Zwischenkriegszeit
in nahezu allen Ländern Europas mit mehr oder weniger Erfolg konstituierten und
die existierenden Demokratien bedrohten. Sie war anti-demokratisch und
antimodernistisch verfasst, wurde allerdings auch von bestimmten Segmenten des
demokratischen Spektrums mit unterstützt. Sie war geprägt von einem aggressiven
Nationa-lismus, einer ‚völkischen‘ Gesellschaftsauffassung und dem Gefühl der
Überlegenheit deutscher Kultur gegenüber den kulturellen Ausprägungen seiner
östlichen Nachbarländer und -völker. Die sudetendeutsche Bewegung war eine
aktive Handlungs- und Dispositionsmasse innerhalb der auf Expansion setzenden
Politik der deutschen Nationalsozialisten, die 1938 in der Annexion des so
genannten ‚Sudetenlandes‘ und 1939 in der Zerschlagung der verbleibenden Teile
der Tschechoslowakei resultierte.“ (S. 537)
Die sudetendeutsche Bewegung kulminierte in der Zwischenkriegszeit in der 1933
gegründeten Sudeten-deutschen Heimatfront (SHF) – der Begriff ‚Heimat‘, nicht im
Sinne individueller Heimatsbezüge einzel-ner Bürger, sondern als ein
territorialer Begriff, spielte nämlich die Hauptrolle in den politischen Zielen
der sudetendeutschen Bewegung, die sich um den Anschluss der an Deutschland
angrenzenden und mehrheitlich von Deutschen bewohnten Gebiete der
Tschechoslowakei an das Deutsche Reich bemühte. Daran hat sich nach dem Zweiten
Weltkrieg nichts geändert:
„Alle politischen Aktivitäten der Sudetendeutschen nach 1945, ob sie in
wissenschaftlichen oder populären, in kirchlichen oder politischen Kontexten
geäußert wurden, liefen im Untersuchungs-zeitraum auf ‚Heimatpolitik‘ hinaus.
Ideelles Fernziel war die Wiedererrichtung des mit Deutsch-land territorial
verbundenen ‚Sudetenlandes‘ in einem grundsätzlich neu geordneten Europa unter
deutscher Hegemonie sowie die Rückkehr der von dort Vertriebenen. Während es den
Sudeten-deutschen im Kontext des Kalten Krieges nicht gelang, ihre
Maximalforderungen nach Revision der Potsdamer Übereinkünfte über die Ausweisung
der Deutschen aus Ostmitteleuropa oder nach anhaltender Gültigkeit des Münchener
Abkommens von 1938 zu erreichen, konnten sie im öf-fentlichen Bereich doch ihr
Geschichtsbild und ihre Vorstellung von der Realität der böhmischen Länder so
implementieren, dass es bis heute nachhaltig weiterwirkt.“ (S. 542)
Das Buch bietet eine bisher einmalige Gelegenheit, die Gründe für die
fortdauernden deutsch-tschechischen Konflikte kennenzulernen. Tobias Weger zeigt
und belegt die Tatsache, dass während des gesamten 20. Jahrhunderts in deren
Mittelpunkt die territorialen Ansprüche der sudetendeutschen Organi-sationen
standen, von denen sich allerdings kaum je ein deutscher Politiker distanzierte.
Aus seiner Studie geht eindeutig hervor, dass die deutsch-tschechischen
Konflikte keine ethnonationalistische, sondern staatsrechtliche und politische
Konflikte sind. Diese Erkenntnis ist von zentraler Bedeutung, wenn wir die
markante Diskrepanz zwischen einerseits den Alltagserfahrungen der deutschen und
der tschechischen Bevölkerung sowohl innerhalb der Tschechoslowakei als auch
über die deutsch-tschechischen Grenzen hinweg, und andererseits die stets mehr
oder weniger belasteten Beziehungen zwischen deutschen und tschechischen
Politikern begreifen wollen.
Deutsche und Tschechen lebten in einer Nachbarschaft, die weder besser noch
schlechter war als die Nachbarschaft von Angehörigen anderer europäischen
Nationen; das galt im Übrigen auch während des nationalsozialistischen Kapitels
der deutschen Geschichte. Die nach dem Zweiten Weltkrieg gefallene und
durchgeführte Entscheidung, die deutsche Bevölkerung aus der Tschechoslowakei
(und aus Polen sowie Ungarn) umzusiedeln, war keine autonome tschechische
Entscheidung; tschechische Politiker hätten zu einer derart weitreichenden
Entscheidung weder die Befugnis noch die machtpolitischen und organisatori-schen
Mittel gehabt. Dass die Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei
allerdings ein Teil der deutschlandpolitischen Entscheidungen der alliierten
Großmächte war, den die überwiegende Mehrheit der tschechischen Bevölkerung
begrüßte und nur wenige Deutsche verstanden, haben jedoch sudeten-deutsche
Politiker bis heute ihren Anhängern nicht erklärt. Wie aus der Studie von Tobias
Weger hervor-geht, spielte paradoxerweise in der sudetendeutschen Politik der
Bundesrepublik die Vertreibung kaum eine Rolle – weil man sich an die so
genannte Heimatpolitik hielt und die Revision sowohl der nach dem Ersten
Weltkrieg als auch der nach dem Zweiten Weltkrieg getroffenen Entscheidungen der
Siegermächte anstrebte. Anstatt sich um die Anliegen der umgesiedelten Menschen
zu kümmern und ihnen zum Ver-ständnis ihrer Erfahrungen zu verhelfen, setzten
die sudetendeutschen Politiker die ihnen bekannten Tra-ditionen fort, ohne sie
jemals kritisch aufzuarbeiten. Das Buch von Tobias Weger eröffnet nicht nur eine
wohlinformierte, neuartige Sicht auf die Geschichte der Vertriebenenverbände,
sondern auch eine außer-gewöhnliche Anregung für die längst anstehende kritische
Auseinandersetzung mit der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte.
© Eva Hahn, Augustfehn