Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem. Zur Geschichte eines europäischen Irrwegs. Darstellung und Perspektiven. Das Thema im Unterricht. Quellen und Materialien, hrsg. v. Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg im Auftrag des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg; Konzeption, wissenschaftliche Leitung und Bearbeitung Dr. Matthias Beer, Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Tübingen, Stuttgart 2002, 92 S.

 

Diese Veröffentlichung liefert ein Beispiel dafür, wie nun seit neuestem im deutschen Schulunterricht die Geschichte der deutschen Beziehungen zu den östlichen Nachbarstaaten gelehrt werden soll. Dabei sind insbesondere der Rückgriff auf ältere enthistorisierende und allein natur- und ethnisch bestimmten Darstellungen ebenso wie die Wiederbelebung alter Stererotypen bemerkenswert. So wird etwa Böhmen als eine von dunklen Wäldern umgebene „Landschaft“ und ganz im Sinne der sudetendeutschen völkischen Tradition als ein habsburgisches Zwei-Völker-Land definiert – die historische staatrechtliche Tradition der Böhmischen Krone wird dabei völlig verdrängt:

 

„Böhmen - mitteleuropäische Landschaft, das von waldreichen Randgebieten wie dem Fichtel- und Erzgebirge im Nordwesten, den Sudeten in Nordosten, dem Böhmerwald in Südwesten und der böhmisch-mährischen Höhe im Südosten umgeben wird. Das ehemalige habsburgische Kronland mit Prag als Zentrum war seit dem Mittelalter bis zum Ede des Zweiten Weltkrieges das Land zweier Völker, der Tschechen und der (Sudeten-)Deutschen.“ (S. 82)

 

Dementsprechend sei Mähren ebenfalls nur eine „Landschaft in Mitteleuropa, benannt nach dem Fluß March (Morava)“, und es wird ähnlich wie Böhmen, aber diesmal unter Ausblendung jeglicher historischer Informationen präsentiert (S. 84); wogegen Schlesien zwar nicht als eine „Landschaft“, sondern als ein historisches Gebiet vorgestellt wird, aber ohne jeden Bezug auf die schlesische Geschichte als die Geschichte von Schlesien als eines Kronlands Böhmens – Schlesien sei nur eine „ehemals österreichische, ab 1763 preußische Provinz“ (S. 84) gewesen.

 

Eine solche Ausblendung bzw. willkürliche Verkürzung der Geschichte behindert natürlich das Verständnis für historische Zusammenhänge, die auch noch die Geschichte des 20. Jahrhunderts prägten. Deshalb wird hier die Geschichte des 20. Jahrhunderts als die „Geschichte eines europäischen Irrwegs“ bezeichnet. Das Konzept „ethnische Säuberung“ wird zum wichtigsten Thema der europäischen Geschichte im 20. Jahrhunderts stilisiert, das Konzept „Nationalstaat“ mit dem Bild eines „ethnisch homogenen“ Staates gleichgesetzt und der Nationalsozialismus  sowie dessen Massenmorde einschließlich des Holocaust als eine der vielen Episoden auf dem „europäischen Irrweg“ verharmlost: „Der im Nationalstaat wurzelnde Gedanke, durch Trennung und Umsiedlung von Nationen und Nationalitäten Frieden schaffen zu können, mündete in den die menschliche Vorstellungskraft sprengenden Genozid des nationalsozialistischen Deutschlands an den Juden.“ (S 15).

 

Entsprechend diesem interpretatorischen Muster laufen dann die Empfehlungen, wie die so konstruierten Geschichtsbilder im Schulunterricht zu vermitteln seien. Im Mittelpunkt stehen „Flucht und Vertreibung der Deutschen“, leider ohne jede Information über andere gängige Interpretationen als die hier propagierte. Der Band vermag insgesamt weder das Verständnis für historische Zusammenhänge zu fördern vermag, noch eine Grundlage für eine Diskussion unter den Angehörigen der drei im Mittelpunkt stehenden Nationen: der Deutschen, der Polen und der Tschechen zu liefern.