Buchbesprechung in der tschechischen Wochenzeitung Týden, 11.8.2003

„Einblick in unsere sudetischen Köpfe“

 

Josef Škrábek:­ Die gestrige Angst - Empfohlene Lektüre für Schule und Familie

 

In der Beziehung zu den Sudetendeutschen leben wir inmitten eines permanenten Bebens. Als wenn unsere Gesellschaft gezwungen würde, sich mit etwas zu befassen, das sie als ein Trauma aus ihrer Seele herausgemeißelt hat und das ihr jetzt ein irgendwie unerwünschtes Schicksal zur Auflösung zurückgegeben hat.

 

Die Geschichte, speziell die moderne europäische, ist selten ein für allemal abgeschlossen. Da

zu ist Europa zu klein, von Völkern durchflochten, die Vorwürfe lebendig, die Erinnerung dienlich ­ oder vergesslich. Man kann etwas dafür, dass eine große Schuld an der Überraschung, ja Überstürzung liegt, mit dem die tschechische Gesellschaft aufs neue und widerwillig ihren vertriebenen Deutschen „begegnete“, die Jahrzehnte der Isolation, der Verdunkelung und der Desinformation haben. Die Angst vor den Deutschen (vor den „Revanchisten“), obwohl das in den ersten Jahren nach dem Krieg sicher verständlich war, wurde in weiteren Jahrzehnten des kommunistischen Regimes zum herrlichen manipulierbaren Instrument der Beherrschung und Einschüchterung. Nichts war vielleicht in der kommunistischen Propaganda wirksamer als diese paar jährlichen Einschnitte zur Versammlung alternder „Sudetjaken“ beim Nürnberger Treffen: Es ging gar nicht so sehr um die Sudetendeutschen, ‚durch die’ die natürliche Sympathie für den Westen unterdrückt und die Begründung des Vasallentums für die Sowjetunion begründet werden sollten: die Märchen über Arbeitslose, über Not, Ausplünderung durch den Kapitalismus etc. griffen schon längst nicht mehr; aus den Trachtenfesten eines seltsamen Stammes, der sich unbegreiflicherweise zu unserem Land bekennt, ließ auch den nichtkommunistischen Teil des Volks eine Gänsehaut bekommen. Das wirksame propagandistische Schreckbild ging Hand in Hand mit dem Versuch, jegliche Erinnerungen an die einstigen deutschen (paradoxerweise auch jüdischen) Bewohner der Sudeten (aber auch von Prag, Brünn usw.) auszulöschen, das historische Unterbewußtsein wegzuwischen, und mit der Vernichtung der materiellen und geistigen  Denkmäler, die nicht einmal vor den Gräbern längst Verstorbener, vor Kirchen, Kapellen, Bildstöcken haltmachte, die erst in den letzten Jahren über gemeinsame deutsche und tschechische Fürsorge von neuem über die schöne, traurige Landschaft der Sudeten wachen.

 

Das Defizit unserer Kenntnisse (das zweifellos auch auf der anderen Seite existiert, aber dort hat niemand Forschung und Diskussion behindert) über die Zusammenhänge und Hintergründe der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegs-Katastrophe können nicht mediale, dazu politische Kampagnen beseitigen. Diese „Angelegenheit“ ist allzu komplex, umfangreich, vielschichtig, in manchem geheimnisvoll, ja spannend, und beginnt nicht und endet nicht in einem oder zwei Akten. Es ist wort-wörtlich ein großes Drama des böhmischen Raumes und ist es allein schon durch die Verwunderung, dass es, bis auf Ausnahmen, eine Seite „großer“ Literatur, Kunst und bis jetzt auch breiten Interesses für uns, die Erben bleibt. In den letzten Jahren kamen einige qualitative Bücher heraus (z. B. die herrliche Arbeit des unlängst verstorbenen Münchener Professors Ferdinand Seibt Deutsche und Tschechen), unter ihnen auch der von der Regierung initiierte Sammelband Die Geschichte verstehen, dessen Echo allerdings eher kühl war. Wenn ich einem Interessenten, etwa einem Geschichtslehrer, ein Buch zu empfehlen hätte, das eine ausgeglichene Hinführung zu den Wurzeln der gemeinsamen tschechisch-deutschen Gegenwart ist, würde ich ihm das Buch von Josef  Škrábek: Die gestrige Angst aufdrängen (Untertitel: Wie das war zwischen Tschechen und Deutschen. Und wie das sein wird ...)

 

Gründe dafür gibt es etliche. Vorweg ist es die nicht kompromittierte, dabei schicksalhaft mit dem Thema verbundene Person des Autors. Jahrgang 1928, entstammt er einer gemischten Familie, die Mutter eine Deutsche, der Vater ein tschechischer Briefträger in Valeč (Waltsch), einem Städtchen in Westböhmen, ein Stückl nördlich von der Karlsbader Straße (Leser von Ivan Magor Jirous werden sich vielleicht erinnern an sein Statement vom Anfang der 1970er Jahre, als er mit Begeisterung den Schlosspark in Waltsch als „einen der interessantesten Orte in Böhmen“ bezeichnete). Im Jahr 1958 wurde Škrábek in einem politischen Prozess verurteilt, im Jahr 1960 amnestiert ­es sollte hier auch erwähnt sein, dass er das Geld für die Entschädigung in die Herausgabe dieses Buchs steckte.

 

In seiner Kindheit von deutschem Milieu umgeben, lernte Škrábek „unsere“ Deutschen in ihrer Alltäglichkeit kennen, in schwerer Arbeit und kärglichem Ausruhen, und er erlebte den Aufstieg des Henleinismus und die frenetische Begeisterung für die Angliederung des Sudetenlands an das Reich. Persönliche Erinnerungen und die Sicht von unten prägen seiner „Geschichte“ einen intimen und vertrauenswürdigen Einblick ein. Begleitet ist er von reicher faktografischer Erläuterung und dokumentarischem Material, das auch für einen informierteren tschechischen Leser oft eine Entdeckung und Überraschung ist. Der Autor versucht aus der Position eines Tschechen einen Blick zu bekommen für das Empfinden und Erleben eines Deutschen, der sich im Jahr 1918 in einem Staat vorfindet, den er sich nicht gewünscht hat (der nicht das „Selbstbestimmungsrecht“ der Völker respektiert), mit dem er zusammenleben muss, und als und darin liegt der Kern der tschechisch-deutschen Tragödie ­ die Hoffnung entsteht, dass irgend ein Kompromiß möglich ist, kommt der Schlag in Gestalt der Wirtschaftskrise und dann schon nur noch der unwiderstehlich verführende Hunger nach Hitler.

 

Škrábek bemüht sich, der tschechischen Seite Argumente anzubieten für den sudetendeutschen Selbstbetrug über die unschuldigen und verführten Opfer hitlerischer Verlockung, aber er macht gleichzeitig vertraut mit den Gründen der deutschen Unzufriedenheit in der Tschechoslowakei. Die lässt sich nämlich nicht bloß mit der etwas aufgeblasenen und nicht immer gerechten Behauptung übergehen, dass sich die Deutschen zwischen Demokratie und Totalität die Partei der Diktatur aussuchten. Irrationales mischte sich hier mit Begreiflichem, die Verführung durch des Führers Erfolg war im Jahr 1938 so unwiderstehlich, dass man schwerlich annehmen kann, andere hätten in ähnlicher Situation widerstanden. Das ist keine Entschuldigung, das ist der psychologische Ausgangspunkt für die Diskussion bzw. Polemik über die weiteren Geschehnisse. Tatsache ist, dass die Tschechen nach dem Krieg es ablehnten, und es oft auch bis heute nicht wollen, zu unterscheiden zwischen denen, die aktiv die Republik zerschlugen (sicher waren ihrer nicht wenige) und denen, die das entsetzliche Risiko der Ablehnung Hitlers auf sich nahmen; es gab solche, und es erwartete sie das gleiche Schicksal,

im Hinblick auf die Enttäuschung möglicherweise auch ein schlimmeres.

 

Škrábek wendet in seinem Buch jedes diskutierbare Für und Wider (es gibt auch Dinge, über die nicht diskutiert werden kann). Sein Buch ist der Blick eines tschechischen Kenners in die Seelen und Schicksale der Sudetendeutschen, der Leute, die aus dem äußeren und inneren tschechischen Horizont zu verschwinden hatten, aber sie sind da, und wir müssen mit ihnen

rechnen. Ein Buch, wie es Die gestrige Angst ist, bemüht sich, zu dieser Neubegegnung einen Weg ohne Illusion zu finden, aber auch ohne Angst.

                                                                                                                                                                

Jiří Peňás