Sudetendeutsche wissenschaftliche Einrichtungen nach 1945


Das Collegium Carolinum, die „Forschungsstelle für die böhmischen Länder“ in München, sollte nach dem Beschluß ihrer Gründungsväter aus dem Jahre 1959 die aus der Tschechoslowakei ‚mitgebrachten’ Traditionen der völkischen Wissenschaft fortsetzen und „die gegenwartskundliche Beobachtung der Vorgänge im böhmisch-mährischen Raum selbst und der im Exil lebenden Volksteile dieses Raumes betreiben“:

 

 „Durch Übernahme dieser Aufgabe setzt das Collegium Carolinum die Bestrebungen sudetendeutscher wissenschaftlicher Einrichtungen, wie der Deutschen Gesellschaft der Wissenschaften und Künste, der späteren Akademie der Wissenschaften, der Sudetendeutschen Anstalt für Landes- und Volksforschung und der Bücherei der Deutschen in Reichenberg, sowie der großen Geschichtsvereine in Prag und Brünn fort und führt dadurch auch die Tradition der altehrwürdigen Prager Deutschen Karls-Universität fort."[1]

 

Damit bekannte sich einer der bisher bekanntesten deutschen Bohemisten und langjähriger Leiter der wichtigsten wissenschaftlichen Publikationsstelle auf dem Gebiet der tschechischen Geschichte in der Bundesrepublik Deutschland offen und unkritisch zu einer wenig ruhmreichen Tradition: zur Tradition jener wissenschaftlichen Einrichtungen, die die historische Forschung in den Dienst der völkischen deutschen hegemonialen Ansprüche stellten und am Mißbrauch der Historiographie durch das inhumane und verbrecherische NS-Regime führend beteiligt waren.

 

 

Für näheres vgl. Texte zur Geschichte der sudetendeutschen wissenschaftlichen Einrichtungen

 

Nach dem Zweiten Weltkriegs wurden die völkischen sudetendeutschen wissenschaftlichen Einrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland wiedererrichtet. Die personalen und institutionellen Strukturen der sudetendeutschen Einrichtungen aus der Tschechoslowakei wurden in die ‚neuen’ institutionellen Strukturen der deutschen historischen Bohemistik integriert und entfalteten mit stattlicher staatlichen Unterstützung als ‚Pflege des Kulturguts der Vertriebenen’ eine noch intensivere Wirkung in der deutschen Öffentlichkeit als je zuvor.

 

Zum 25. Jubiläumsfeier des Münchnren Collegium Carolinum im Jahre 1981 zog sein Erster Vorsitzender, Ferdinand Seibt, stolz die Bilanz:

 

„Man kann die Leistungen dieses kleinen Instituts sehr plakativ hervorheben. Es hat in den 25 Jahren seines Bestehens der Öffentlichkeit 120 Bücher vorgelegt: Handbücher, Lexika, Monographie, Sammelbände, 21 Jahrgänge seiner Zeitschrift. Das alles ist mehr, als sämtliche vergleichbaren Vereine und Institute zur Geschichte der Deutschen in Böhmen und Mähren, deren Tradition fortzuführen dem Collegium Carolinum aufgetragen wurde, in einem vergleichbaren Zeitraum von 1918 bis 1945 in der alten Heimat herausgebracht haben.“[2] Ohne Zögern erinnerte Ferdinand Seibt auch daran, wem dies zu verdanken sei: „Und es ist natürlich eine Leistung, deren man sich nicht rühmen darf, ohne der großzügigen Finanzierung unseres Instituts durch die Bundesregierung und den Freistaat Bayern zu gedenken“ (ebenda).

 

Spuren selbstkritischer Reflexion und einer Auseinandersetzung der völkischen sudetendeutschen Historikerzunft mit der eigenen Geschichte lassen sich bisher nicht finden. Die Geschichte der sudetendeutschen Historiker nach dem Zweiten Weltkrieg ist geprägt von Kontinuitäten sowie vom Beschweigen der eigenen NS-Verwicklungen. Konflikte beruhten eher auf persönlichen Rivalitäten sowie strategische Meinungsdifferenzen über die Mittel, mit denen die überlieferten Traditionen gepflegt werden sollten, als daß es um ihre Auslegung oder gar Überprüfung gegangen wäre. Dennoch sind die beiden sudetendeutschen Einrichtungen, „Historische Kommission der Sudetenländer“ und das „Collegium Carolinum“, seit den 1960er Jahren zum wichtigsten Zentrum deutscher historischer Bohemistik geworden.

 

Beide Institutionen bekannten sich zur Tradition der völkischen sudetendeutschen wissenschaftlichen und propagandistischen Einrichtungen vor und aus der NS-Zeit. Die im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgten Entwicklungen führten ohne jede kritische Selbstreflexion des eigenen wissenschaftlichen Tuns zwar zu leichten Veränderungen in der Rhetorik der (sudeten)deutschen Bohemistik, aber oft handelt es sich geradezu um amüsante kosmetische Veränderungen; so etwa, wenn die „Historische Kommission der Sudetenländer“ im Jahre 2000 beschlossen hat, ihren Namen zu ändern und sich nun „Historische Kommission für die böhmischen Länder“ zu nennen.

 

Dabei sind es nicht gerade ruhmreiche Traditionen, in denen diese Kommission steht. Unter den jüngeren Bohemisten mag es inzwischen in Vergessenheit geraten sein, woran ihre akademischen Lehrer oft zu erinnern pflegten: daß „sich die Historische Kommission der Sudetenländer zunächst und vor allem als Weiterführung der Prager und der Reichenberger Geschichtskommissionen verstanden“ hat[3]. Es ist daher nicht überraschend, dass die Gründungsmitglieder dieser „Historischen Kommission“ engstens mit der nationalsozialistischen Version des sudetendeutschen „Volkstumskampfes“ verbunden waren; etwa ihr erster Geschäftsführer, Kurt Oberdorffer, und ihr einflußreicher Ideologe, der Nationalismus-Historiker Eugen Lemberg, die beiden über reiche Erfahrungen mit der Entwicklung der konzeptionellen Ausrichtung sudetendeutscher wissenschaftlicher Einrichtungen verfügten, bevor sie ihre Tätigkeit in der „Historischen Kommission der Sudetenländer“ sowie im Collegium Carolinum aufnahmen.

 

Als Kurt Oberdorffer in seinen „Gedanken zur Frage der wissenschaftlichen Volkstumsforschung im Sudetenland“ im Jahre 1938 seine programmatischen Vorstellungen von der Aufgabe sudetendeutscher Kultureinrichtungen erarbeitete, schwebte ihm u. a. ein „Ausbau der eigenständig gewachsenen Kette von Forschungsstellen“ vor, der „in keiner Weise in den Dienst irgendeiner Pflege von Stammeseigenart gestellt werden soll oder darf, sondern ausschließlich darin seine Berechtigung hat, daß für den kommenden neuen Abschnitt des Ringens der beiden Völker um die Landschaften der Sudetenländer das traditions- und bodengebundene Sudetendeutschtum auch kulturell gewisse Stoßtruppaufgaben leisten muss“.[4] Manche der damals von Kurt Oberdorffer formulierten Aufgaben eines „Kulturinstituts“, z. B. die „des Herauslösens der rassisch wertvollen Menschen aus der fachlich hochgeschulten Schicht des tschechischen Volkes“[5], gehörten wahrscheinlich zu denjenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung verloren, als es galt, wie es Rudolf Schreiber formulierte, „an die Tradition der beiden Kommissionen von Prag und Reichenberg anzuknüpfen und ihre Arbeit, sinngemäß auf die neue Lage umgedacht, fortzuführen“.[6] Was genau fortgesetzt und was „umgedacht“ wurde, muß allerdings erst noch erforscht werden.

 

Zwanzig Jahre nach Kurt Oberdorffer, im Jahre 1958, formulierte einer der einflußreichsten Bohemisten in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland und Mitglied derselben „Historischen Kommission der Sudetenländer“, Eugen Lemberg, ein Plädoyer für "eine neue, der veränderten Epoche bewußten Thematik und Sehweise" mit folgenden Worten:

 

"Es handelt sich um eine Forschung, die den Raum Ost-Mitteleuropas deutend umspannt, die für seine Völker mitdenkt und ihnen in ihrem gegenwärtigen Übergangsstadium zur Selbstdeutung hilft, eine Forschung, die die jene Völker übergreifenden Kräfte und Funktionen herausarbeitet, weil sie in diesen Völkern wesentliche Bauelemente, aber nicht die einzigen und letzten Instanzen Ost-Mitteleuropas erkennt“.[7] Eine solche „geistige Durchdringung des Raumes würde eine bessere Verteidigung der deutschen Funktion in Ost-Mitteleuropa darstellen als die Fortsetzung der Nachweise deutscher Leistungen nach jener romantischen Werteskala und Fragestellung".

 

Nach den Worten des Historikers Eduard Mühle forderte Eugen Lemberg „eine deutsche Darstellung der Völker Ost-Mitteleuropas, ‚die nicht nur ihre politische Geschichte behandelt und ihre Ansprüche widerlegt, sondern die sie selbst als geistige Größen in ihrer Physiognomie deutet und verständlich macht‘" und meinte: „Daß sich eines der ostmitteleuropäischen Völker von uns gedeutet und verstanden fühlt, ist ein grösserer Erfolg der Ostforschung, als daß etwa einer seiner nationalen Ansprüche dokumentarisch widerlegt worden ist."

 

Wenn Eugen Lemberg schrieb, daß die „Epoche der nationalen Selbstkonstituierung der Völker und der ihr entsprechenden Kontroversen über die nationale Zugehörigkeit von Landschaften, Kulturleistungen und Persönlichkeiten zu Gunsten einer neuen, übergreifenden, nur von der deutschen Ostforschung und von niemand anderem sonst zu leistenden Aufgabe überwundern werden kann“, so klang es damals vielleicht innovativ, stellte aber im Kern nichts anderes als ein subtiles Entmündigungsprogramm dar, in dem ein unvoreingenommener Dialog im wechselseitigen Respekt nicht vorgesehen war.

 

Diese beiden Beispiele bieten Einblicke in die erst aufzuarbeitenden Ursachen der deutsch-tschechischen Schwierigkeiten im Dialog über die Geschichte dieser Nachbarschaft. Die völkischen Traditionen, zu denen sich die wissenschaftlichen Einrichtungen der deutschen Bohemistik bekannt haben bzw. von denen sie sich bisher nicht distanziert haben, müssen deshalb in den deutsch-tschechischen Dialog einbezogen werden und darin gemeinsam kritisch aufgearbeitet werden.

 

Ergänzung nach 2006:

Über den Sammelband "Die 'sudetendeutsche Geschichtsschreibung' 1918-1960. Zur Vorgeschichte und Gründung der Historischen Kommission der Sudetenländer" siehe hier
.

Die ersten zögerlichen Schritte zur anstehenden kritischen Selbstreflexion unter den sudetendeutschen wissenschaftlichen Einrichtungen finden sich im folgenden Sammelband:
Geschichtsschreibung zu den böhmischen Ländern im 20. Jahrhundert. Wissenschaftstraditionen – Institutionen – Diskurse. Vorträge der Tagungen des Collegium Carolinum in Bad Wiessee vom 21. bis 23. November 2003 und vom 12. bis 14. November 2004, hg. v. Christiane Brenner, K. Erik Franzen, Peter Haslinger und Robert Luft, München 2006
 



[1] Karl Bosl: Gründung, Gründer, Anfänge des Collegium Ca­rolinum in München. Ein Epilog zum zwanzigjährigen Bestehen der Forschungsstelle für die böhmischen Länder, in: 25 Jahre Collegium Carolinum 1956-1981, München 1982, S. 17-40, hier S. 36.

[2] Ferdinand Seibt: Collegium Carolinum - Leistungen, Aufgaben, Probleme, in: 25 Jahre Collegium Carolinum 1956-1981, München 1982, S. 3-16, hier S. 3.

[3] Hans Lemberg: Der Verein für Geschichte der Deutschen in Böhmen, in: Mit unbestechlichem Blick... Studien von Hans Lemberg zur Geschichte der böhmischen Länder und der Tschechoslowakei. Festgabe zu seinem 65. Geburtstag, hg. v. Ferdinand Seibt, Jörg K. Hoensch, Horst Förster, Franz Machilek und Michaela Marek, München 1998, S. 91-115, hier S. 113.

[4] Kurt Oberdorffer: Gedanken zur Frage der wissenschaftlichen Volkstumsforschung im Sudetenland,

20. Dezember 1938, zit. nach Wissenschaftspolitik im Nationalsozialismus und die Universität Prag, Dokumente eingeleitet und herausgegeben von Gerd Simon, Tübingen 2001, S. 46 (Publikationen der Gesellschaft für interdisziplinäre Forschung 2), siehe homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon

[5] Ibid., S. 45.

[6] Rudolf Schreiber: Werdegang und Ziele der Historischen Kommission der Sudetenländer, in: Zeitschrift für Ostforschung 4, 1955, S. 108-126, hier S. 109.

[7] Eugen Lemberg: Zur Lage und Aufgabe der Ostforschung [Manuskript eines Diskussi­onsbeitrags zur Jahresversammlung des Herder-For­schungsrates am 28. April 1958], in: Akten des Herder-Instituts, hier zit. nach: Eduard Mühle, ‚Ostforschung’. Beobachtungen zu Aufstieg und Niedergang eines geschichtswissenschaft­lichen Paradigmas, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 46, 1997, S. 317-350, hier S. 341.