Sudetendeutsche Historiker im Jahre 1950 über die „historische Mission der Deutschen in den Sudetenländern“


zit. aus Einführung, in: Die Deutschen in Böhmen und Mähren. Ein historischer Rückblick, hg. v. Helmut Preidel, Gräfelfing bei München 1950, S. 7f.

Die Potsdamer Beschlüsse vom September 1945 haben in Mitteleuropa eine ganz neue Situation geschaffen. Wenn diese Beschlüsse auch als Reaktion auf den vom deutschen Nationalsozialismus ausgelösten zweiten Weltkrieg erscheinen, so wird es doch täglich klarer, daß sie in erster Linie ein Triumph der slawisch-nationalistischen Bewegung waren, die dem deutschen Nationalsozialismus ebenbürtig an die Seite zu stellen ist.

Aus einer ähnlich verengten Perspektive wie die deutschen Nationalsozialisten sehen beispielsweise die tschechischen nationalistischen Historiker und Politiker seit Jahrzehnten die Geschichte der Westslawen, insbesondere der Tschechen, als eine fast ununterbrochene Folge von planmäßig den Tschechen zugefügten Ungerechtigkeiten, die wiedergutgemacht und vergolten werden mußten.

Dieser auf romantisch-sentimentalen Grundlagen beruhenden Auffassung setzen wir sudetendeutsche Autoren eine europäische Konzeption entgegen.

Zu Beginn unserer Zeitrechnung hatte der Süden und Westen Europas bereits eine bemerkenswerte Kulturhöhe erreicht und war in ein wohlgegliedertes Staatswesen zusammengefaßt, indessen es in Mitteleuropa kaum mehr als bloße Stammesorganisationen mit im ganzen noch einfachen Kulturformen gab. Die augenfälligen Lebenserleichterungen und die sonstigen Annehmlichkeiten, die höhere Gesellschafts- und Wirtschaftsformen ermöglichten, übten natürlich auf die, die ein primitiveres Dasein führten, ständige Reize aus, und bald begannen die germanischen „Barbaren" die Grenzen der „gesitteten Welt" des römischen Imperiums zu berennen. Und als diese Grenzen schließlich barsten, überfluteten germanische Stämme Süd- und Westeuropa und traten ein reiches Erbe an, sofern sie sich den vorgefundenen Verhältnissen anzupassen vermochten.

In die freiwerdenden Landschaften Mitteleuropas aber sickerten slawische Kolonisten und Ansiedler und führten dort ein ähnlich bescheidenes Leben wie lange vor ihnen die germanischen Bewohner dieser Gegenden. Und bald erneuerte sich auch das alte Kräftespiel zwischen der „gesitteten" und der „barbarischen Welt". Karl der Große schlug jedoch anders zurück als die römischen Imperatoren. Er unterwarf die germanischen Sachsen und gewann sie nach ihrer Christianisierung für den Westen, er vernichtete das Reich der Awaren und schob die Grenzen seines Reiches weit ins slawische Gebiet vor. Unter seinen schwächeren Nachfolgern bildete sich im Südosten das Großmährische Reich, das sich mit wechselndem Erfolg der Kontrolle durch die Karolinger zu entziehen suchte, schließlich aber von den eben eingewanderten Magyaren zerstört wurde. Inzwischen hatten die böhmischen Slawen durch ihre Fürsten den endgültigen Anschluß an den Westen vollzogen, dem sie sich seit Karl dem Großen durch die Annahme des westlichen Christentums bereits genähert hatten.

Die Gefahren an der Ostgrenze des Deutschen Reiches und die Sendungsidee, die die abendländische Welt damals erfüllte, führten zu häufigen Verlagerungen des politischen Schwergewichtes mehr nach Osten, bis schließlich die westliche Welt unmittelbar an die östlich-orthodoxe Christenheit stieß.

In diesem Rahmen sehen wir die Geschichte des böhmisch-mährischen Raumes, der seit vielen Jahrhunderten in dem weiten Spannungsfeld zwischen Ost und West einen wichtigen Platz einnimmt. Aber auch in den späteren Auseinandersetzungen zwischen Nord und Süd spielten Böhmen und Mähren eine bedeutende Rolle und ihre Bewohner standen wiederholt im Brennpunkt der Ereignisse. Dies kurz aufzuzeigen und auf die historische Mission der Deutschen in den Sudetenländern hinzuweisen, erschien uns Aufgabe und Verpflichtung.