Die Frage, ob die Vertriebenenorganisationen ein Relikt längst vergangener Zeiten oder ein ernstzunehmender Faktor in der gegenwärtigen deutschen politischen Landschaft seien, wird selten sachlich diskutiert. Der Grund liegt vor allem im Mangel an Informationen, die die deutschen Medien zu diesem Thema bieten. Um so wertvoller ist die hier vorliegende Bestandsaufnahme der Arbeit und der Ziele der Vertriebenenverbände. Dem Politologen Samuel Salzborn, einem der heute herausragendsten Kenner dieser Materie, ist es gelungen, eine umfassende historische Übersicht mit einer Fülle von bis ins kleinste Detail reichenden Informationen zu verbinden. Sein Buch beginnt mit der Analyse der vielfältigen historischen Situationen und Ereignissen, die summarisch als „Vertreibung“ bezeichnet werden: „Obgleich es keinen historischen Vorgang gegeben hat, der es erlauben würde, den Transfer der deutschen Bevölkerung infolge des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkrieges generalisierend als ‚Vertreibung’ zu bezeichnen, gibt es die individuelle Geschichte von Einzelpersonen.“ (S. 43) Er behandelt ausführlich die Entstehungsgeschichte der Vertriebenenorganisationen und die dabei wichtige Rolle nationaler Mythenbildung („Die Bezeichnung der Umsiedlung als ‚Vertreibung’ drückt den Willen aus, sich als unschuldiges Opfer darstellen zu wollen“, S. 42). Der Struktur und Arbeitsweise der Vertriebenenverbände, ihrer Publizistik, Vernetzung und Umfeld sind weitere Kapitel des Buches gewidmet ebenso wie einer ausführlichen Analyse ihrer Ideologie. Auch die beiden völkischen Forderungen, daß das kollektive „Recht auf die Heimat“ sowie das Volksgruppenrecht künftig in das Völkerrecht Eingang finden sollten, analysiert Salzborn ausführlich, zusammen mit dem wachsenden Einfluß der Vertriebenenverbände im deutschen Diskurs unserer Gegenwart: „Ihr Einfluß in weiten Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft, besonders aber auch im Wissenschaftsbetrieb zeigt, dass sie längst zu konsensfähigen Positionen geworden sind und den gesellschaftlichen Diskurs sogar bestimmen: Der nach dem Sieg über Deutschland und der Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus selbstverständliche breite Konsens darüber, dass die Umsiedlung der Deutschen rechtens und notwendig war, ist mittlerweilen aufgebrochen worden durch den jahrzehntelangen Kampf der Vertriebenenverbände, der es den Deutschen heute ermöglicht, sich – zu Unrecht – als Opfer darzustellen und zu fühlen.“ (S. 169) Wie diese aktive Geschichtsrevision durch die Forderung nach Einbeziehung der Vertriebenenverbände bei aktuellen zwischenstaatlichen Verhandlungen mit Polen und Tschechien flankiert wird, und wie das Tor zur Durchsetzung des deutschen ‚Rechtes auf die Heimat’ inzwischen auch von den betroffenen Ländern selbst mitaufgestoßen wurde, illustriert Salzborn an Beispiel einschlägiger Äußerungen etwa des tschechischen Botschafters in der Bundesrepublik, František Černý.