Kurt Nelhiebel: Die Henleins gestern und heute. Hintergründe und Ziele des Witikobundes, Frankfurt/Main 1962,87 S.

 

Im Vorwort zu diesem bemerkenswerten Buch aus dem Jahre 1962 wird an die letzten nationalsozialistischen Justizmorde in Prag erinnert und das Anliegen erläutert:

 

„Es ist nicht der Zweck dieser Schrift, die an den Todesurteilen gegen Tschechen und Slowaken beteiligten Richter und Staatsanwälte anzuklagen, von denen der und jener heute noch in Amt und Würden ist. Sie richtet sich gegen jene, deren politische Tätigkeit vor und nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch NS-Truppen die Voraussetzungen für den blutigen Terror mitschuf. Sie ist eine Anklage gegen die ehemaligen Führer der ‚Fünften Kolonne’ Hitlers.

Diese Anklage würde heute nicht erhoben, wenn die intellektuell mitschuldig Gewordenen sich zum Zeichen ihrer Reue und Scham von der politischen Bühne zurückgezogen hätten. Aber viele der Männer, deren Namen mit der Ausrottungs- und Germanisierungspolitik gegen das tschechoslowakische Volk verbunden sind, zeigen weder Reue noch Scham. Im Gegenteil. Sie erblicken in ihrer Tätigkeit für die Ziele der NS-Ideologie eine Art von Legitimation zu erneuter politischer Aktivität; einer Aktivität, die sich nicht an den Erfordernissen einer auf gutnachbarliche Beziehungen bedachten Politik orientiert.“ (S. 6)

 

Kurt Nelhiebel bietet eine erschütternde Bilanz der Kontinuitäten im sudetendeutschen politischen Leben vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb einer der drei bedeutendsten sudetendeutschen Organisationen, dem Witikobund. Unter den 634 Mitgliedern des Witikobundes, einer der drei wichtigsten sudetendeutschen Organisationen, die die Sudetendeutsche Landmannschaft bildeten, fand Nelhiebel „Ende 1959 nur etwa 30, die früher nicht aktiv in der Henlein-Partei oder der NSDAP tätig waren“. (S. 8) Er fand aber auch zahlreiche der führenden sudetendeutschen Nazis und SS-Männern wie Franz Böhm, Fritz Brehm, Walter Hergl, Franz Karmasin, Fritz Köllner, Hermann Raschhofer oder Willi Sebekovsky. Sein Buch ist eine sorgfälltig dokumentierte Kollektivbiographie zur Nachkriegsgeschichte der sudetendeutschen völkischen Bewegung, die einen maßgeblichen Anteil an der bis heute allgemein anerkannten ‚politischen Repräsentation’ der Vertriebenen aus der Tschechoslowakei hat.

 

Nelhiebel Buch beschäftigte sich mit dem Witikobund als „dem geistigen Zentrum dieser unseligen Kräfte“, aber es will auch „die Verantwortung derer klarstellen, die die Wiederkehr der sudetendeutschen Nationalisten in das öffentliche Leben ermöglicht hatten.“ Sein Buch solle als ein Plädoyer für eine Friedensregelung für Deutschland verstanden werden, „die den Revanchebestrebungen ein Ende bereiten hilft und den Boden für gutnachbarschaftliche Verhältnisse zu allen Ländern bereitet.“ (S. 6)

 

Kurt Nelhiebel las damals sorgfältig die sudetendeutsche Presse - jene nostalgisch anmutenden Heimatzeitschriften, die oft nur als ein Ausdruck von Erinnerungen verstanden werden. Kurt Nelhiebels Lektüre ergab jedoch erschütterndes:

 

„Ich hoffe, daß die Zeit reift, in der man über Konrad Henlein und Karl Hermann Frank die Wahrheit sagen und schreiben kann“, war etwa im „Sudetendeutschen Turnerbrief“ im Jahre 1958 aus der Feder von Ernst Frank, dem Bruder des ehemaligen Staatsministers für Böhmen und Mähren und SS-Obergruppenführers, Karl Hermann Frank, zu lesen.

 

Nelhiebel prangerte es als schamlos und gefährlich an, daß „auch andere Nazigrößen, darunter selbst Hitler, in Schutz“ genommen wurden mit dem Argument, „daß sie nur ‚Fehler’ begangen haben, nichtdestoweniger aber große Staatsmänner gewesen seien.“ (S. 9) Er kritisierte die ungeniert hergestellte Kontinuität in der völkischen sudetendeutschen Bewegung vor und nach dem Krieg, wenn er etwa 1956 in der Zeitschrift „Der Sudetendeutsche“ las:

 

„Der Witikobund setzt in Wirklichkeit jene Politik fort, die in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg die Organisation der sudetendeutschen Intelligenz ‚Kamaradschaftsbund’ und die Anhänger der radikaleren Gruppe innerhalb der SdP, der sogenannte ‚Aufbruchskreis’, verfolgte.“ (S. 66)

 

Auch die Rufe führender sudetendeutscher Amtsträger nach „mehr Land“ und dem „Anschluß der tschechoslowakischen Grenzgebiete“ stoßen bei Nelhiebel auf scharfe Kritik: „Das Verlangen nach mehr ‚Lebensraum’, die Nichtanerkennung bestehender Grenzen und das andauernde Gerede von den ‚verlorenen Ostgebieten’ stehen einer Entspannung der Lage in Mitteleuropa im Wege.“ (S. 67)

 

Daß Politiker noch in der Bundesrepublik ungeniert vom ‚Lebensraum’ sprechen konnten, ist heute wenig bekannt. Will man Kurt Nelhiebels Kritik an den Vertriebenenverbänden aus dem Jahre 1962 verstehen, muß man sich einiges längst in Vergessenheit Geratenes in Erinnerung rufen, etwa die kleine Tagesnachricht aus der FAZ vom 12. Mai 1960:

 

„Auf einem Delegiertentag des Bundes der Vertriebenen in Würzburg hat der bayerische Arbeitsminister Stain die Ansicht vertreten, allein mit der Eingliederung sei das Vertriebenenproblem nicht gelöst. Es fehle am Grund und Boden: ‚Wir dürfen nicht vergessen, daß Deutschland wieder mehr Lebensraum finden kann bei Nachbarn, die diesem Raum nicht brauchen und ihn mit Sklavenarbeitern für ihre Kolchosen besetzt halten.’“

 

Walter Stain, ein ehemaliger Burschenschaftler in Prag, 1938 sudetendeutscher Freikorps-Kämpfer und danach Leiter der HJ im sog. Sudetengau war kein ‚kleiner Mann’ unter den Vertriebenen und niemand, den man in der Bundesrepublik zu den Rechtsradikalen oder gar Neonazis zählt, wie seine Rede von 1960 vermuten lassen könnte. Er wirkte 1954-1962 als bayerischer Staatsminister für Arbeit und Sozialordnung, 1954-62 war er Mitglied des Bundestags, seit 1964 Mitglied, seit 1977 Vizepräsident und 1982-1992 Präsident des Bundesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft sowie Gründungmitglied und 1986-89 Bundesvorsitzender des Witikobundes. Im Jahre 2001, als Stain starb, würdigte der Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernt Posselt, seine Verdienste mit dem höchsten Lob: „Walter Stain war nicht nur einer unserer führenden Repräsentanten, sondern auch ein erfolgreicher Schirmherrschaftsminister, auf den viele segensreiche Einrichtungen der bayerischen Vertriebenenpolitik zurückgehen.“ (Sudetendeutsche Zeitung 9. 2. 2001) Aus der Sicht von Kurt Nelhiebel repräsentiert Stains Lebenswerk dagegen die bedauerlichen Folgen einer unseligen Kontinuität im sudetendeutschen politischen Leben.

 

Kurt Nelhiebels Buch liefert die Erklärung dafür, warum so viele Vertriebene am Leben der sudetendeutschen Organisationen nicht zu partizipieren bereit waren. Jene politische Entwicklung, die zur Re-Etablierung der völkischen und nationalsozialistischen Kontinuitäten führte, erinnerte alle Demokraten wie Kurt Nelhiebel immer wieder von neuem an die Ursachen der Vertreibung. Für die ehemaligen Gegner des Nationalsozialismus wurde die Erinnerungspolitik der Bundesrepublik von einem Beigeschmack einer Vergangenheit begleitet, die nicht zu vergehen schien.

 

All diejenigen, die selbst nicht Mitglieder des Witikobundes waren, müssen sich spätestens nach der Lektüre dieses Buches die Frage gefallen lassen, warum sie den politischen Mißbrauch der Vertriebenen durch ehemalige Nationalsozialisten und damit die fortdauernde Belastung der deutsch-tschechischen Beziehungen zugelassen haben – nicht nur aus eigenen persönlichen Erinnerungen, aber auch aus Büchern wie dieses verfügten sie über genügend Informationen, die ihnen die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung deutlich hätte vor den Augen führen müssen.