Jiří Kořalka (1931–2015)

Foto: Jiří Kořalka in Oldenburg, November 2013. © Tobias Weger.
Ein väterlicher Freund und überaus geschätzter Kollege hat uns für immer
verlassen. Meine Weihnachtspost hat ihn im Dezember 2014 bereits nicht mehr
erreicht – ein unbedachter Prager Postbeamter hat sie trotz der korrekten
Anschrift mit dem für mich irritierenden Hinweis „neznaný“ (unbekannt)
zurückgeschickt.
Näher kennengelernt habe ich Jiří Kořalka im Jahre 2005 in Oldenburg auf der von
Eva und Hans Henning Hahn ausgerichteten Tagung Hundert Jahre sudetendeutsche
Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten, auf der er die Alldeutsche
Bewegung Georg von Schönerers kenntnisreich porträtierte. Seither standen wir in
einem lockeren Austausch, der sich in den letzten Jahren intensiviert hat. Ich
war gerührt angesichts der Tatsache, dass er 2008 meine Dissertation über das
sudetendeutsche Organisationswesen nach 1945 im Český časopis historický, der
führenden historischen Fachzeitschrift in tschechischer Sprache, rezensiert hat.
Vor zwei Jahren bot er mir bei einer persönlichen Begegnung das kollegiale „Du“
an. Zwei weitere Male ist Jiří Kořalka in den letzten Jahren noch nach Oldenburg
gekommen: im November 2013 zur Tagung „Jan Hus. 600 Jahre Erste Reformation“, im
April 2014 zu einer großen Konferenz zum polnischen Januaraufstand von 1863. Ihn
beflügelten noch viele Ideen, wie ich seinen Aussagen entnehmen durfte. Zu deren
Verwirklichung ist er nun leider nicht mehr gekommen.
Mein eigenes gesteigertes Interesse an der Geschichte des 19. Jahrhunderts hat
mich zunehmend zu einem begeisterten Leser seiner Texte gemacht. Ein Faszinosum
ist für mich Kořalkas umfangreiche Biographie von František Palacký, die zu
Recht im Jahre 2007 mit dem Anton-Gindely-Preis ausgezeichnet worden ist. Sie
ist viel mehr als eine klassische Lebensschrift, sondern das Porträt einer
ganzen Epoche – der Zeit, in der jenes neue kulturelle Selbstbewusstsein bei den
Tschechen erwachte, das 1918 in die wiedererrichtete Staatlichkeit mündete.
František Palacký, der die Habsburger Monarchie nicht zerstören, sondern
zugunsten der kleineren Nationen reformieren wollte, ist für Jiří Kořalka eine
Art Lebensaufgabe gewesen. Der böhmische Landeshistoriograph des 19.
Jahrhunderts war in seinen Augen die bedeutendste Gestalt der neuzeitlichen
tschechischen Kulturgeschichte. Palackýs Lebensbeschreibung aus Kořalkas Feder
besticht den Leser durch ihre faktographische Dichte, durch ihre klare
Argumentation, aber auch durch ihre leserfreundliche und zugleich fesselnde
Narration. Kořalka hat die Persönlichkeit seines Protagonisten ebenso
durchdrungen wie dessen Denken und vielfältiges Werk. Vielleicht war es eine Art
geistiger Verwandtschaft, die beide Geschichtsschreiber miteinander verband? In
seiner Bescheidenheit hätte Jiří Kořalka einen solchen Vergleich bestimmt von
sich gewiesen, doch spricht vieles dafür, das er nicht aus der Luft gegriffen
ist: Beide, Palacký und Kořalka, fühlten sich in unterschiedlichen Kontexten von
vielen ihrer jeweiligen Zeitgenossen missverstanden, wurden gar von einigen
unter ihnen ausgegrenzt. Noch ein weiteres Merkmal verband Palacký und Kořalka:
beide fühlten sich als Tschechen, waren aber auch stark von der deutschen
Sprache geprägt. In einem Gespräch hat Jiří Kořalka einmal gegenüber Freunden
bekannt, es falle ihm leichter, manche Gedanken auf Deutsch zu formulieren als
in seiner Muttersprache.
Die Erklärung für diesen Umstand liefert ein Blick in seine Biographie: Jiří
Kořalka wurde am 7. Februar 1931 in Mährisch Sternberg/Šternberk, im
mehrheitlich von Deutschsprachigen bewohnten Randgebiet der Tschechoslowakischen
Republik geboren, wo sein Vater als Lehrer für die dort lebende tschechische
Minderheit tätig war. Bis zum Alter von sieben Jahren wuchs Kořalka in einer
zweisprachigen Umgebung auf. Seine Eltern achteten auf die einwandfreie
Entwicklung der tschechischen Muttersprache bei ihrem Sohn, mit seinen deutschen
Altersgenossen aber erlernte dieser spielerisch das Deutsche. Aus jedem
deutschsprachigen Vortrag, aus jedem auf Deutsch geschriebenen Aufsatz Kořalkas
sprach noch im Alter jene frühe Prägung – eine reichhaltige, farbige, aber nie
die Fakten vernachlässigende Sprache.
Als Jiří Kořalka im Grundschulalter war und infolge des Münchner Abkommens die
Randgebiete der Republik vom nationalsozialistischen Deutschland annektiert
wurden, zogen seine Eltern zunächst nach Prostějov um, wo er auch seine
Schulzeit absolvierte. In diese Jahre fiel auch die deutsche Okkupation mit
ihren erniedrigenden Erfahrungen, nach dem Kriegsende die beginnende
kommunistische Umgestaltung des Landes. Ab 1950 studierte Kořalka an der neu
eröffneten Politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Hochschule (Vysoká škola
politických a hospodářských věd) in Prag. Während des Studiums lernte er seine
spätere Frau Květa kennen, die ebenfalls eine bekannte Historikerin, eine
Expertin für die Geschichte Polens, wurde. Die beiden verband eine Jahrzehnte
währende glückliche Ehe; in guten und in schlechten Tagen die beiden ein
unzertrennliches Band, das erst Květas Tod im Jahre 2008 gelöst hat.
Im Jahre 1954 erhielt Kořalka sein Diplom und wurde nach einem weiteren Jahr am
Historischen Institut der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften
aufgenommen. Dort blieb er beinahe zwei Jahrzehnte lang, ehe ihn in der Zeit der
„Normalisierung“, die auf das kurze Experiment des Reformkommunismus folgte, der
politische Druck zum Ausscheiden zwang.
1975 fand er eine neue Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am
Hussitenmuseum Tabor (Husitské muzeum v Táboře). Was seine Widersacher als eine
Art „Verbannung“ in die südböhmische Provinz konzipiert hatten, erwies sich
unter den gegebenen Umständen für den Wissenschaftler als Chance. Kořalka
sammelte die führenden Hus-Forscher um sich, organisierte gehaltvolle Tagungen
und Konferenzen. Die Zeitschrift Husitský Tábor (Hussitisches Tabor),
ursprünglich Studien zum Leben und Werk von Jan Hus und zur hussitischen
Bewegung im ausgehenden Mittelalter vorbehalten, wurde unter Kořalkas Ägide zu
einer kulturhistorischen Publikationsplattform auf höchstem Niveau, in der auch
die Hus- und die Hussiten-Rezeption durch die tschechische Nationalbewegung im
19. Jahrhundert breiten Raum einnahm. Denn längst war das 19. Jahrhundert in all
seinen politischen, gesellschaftlichen, geistlichen und kulturellen
Zusammenhängen zu Kořalkas bevorzugtem Forschungsgegenstand geworden. Bis
zuletzt gehörte er noch dem Redaktionskomitee dieser Zeitschrift an und
redigierte ferner viele Jahre lang ein weiteres Periodikum, das Táborský archiv
(Archiv der Stadt Tabor).
Die Beziehungen der Tschechen zu Deutschland, zur deutschen Kultur und zur
deutschen Nation nehmen in seinem wissenschaftlichen Oeuvre einen prominenten
Platz ein. Als ausgezeichneter Kenner der mitteleuropäischen Verhältnisse in der
Spätphase der Habsburger Monarchie war Kořalka stets davor gefeit, eine
selbstbezogene Darstellung der böhmischen/tschechischen Geschichte zu liefern.
Er wusste um deren enge Verflechtung mit der Geschichte aller Nachbarvölker, die
sich etwa in den revolutionären Jahren 1848/49 in besonders deutlicher Form
erwiesen hat. Innerhalb dieser größeren Gemeinschaft wollte er – wie eben auch
Palacký – den Tschechen einen gleichberechtigten Platz und damit Respekt und
Würde verschaffen. Die Wertschätzung für alle übrigen Nationen immunisierte ihn
dabei vor jeglichem Anflug von Nationalismus oder Chauvinismus.
Die politische Wende ermöglichte Kořalka in den Jahren 1990–1995 eine Tätigkeit
am Institut für Geschichte der Technisch-wissenschaftlichen Akademie Prag
(Technická vědecká akademie v Praze). In den letzten Jahren hat er sich unter
anderem intensiv mit der Geschichte der tschechischen Arbeitsmigration in
Deutschland im 19. Jahrhundert beschäftigt. Diese Forschung resultierte in eine
Quellenedition zu den Tschechen in Westfalen. Sie entreißt jene neben den so
genannten Ruhrpolen im allgemeinen deutschen Bewusstsein weniger bekannte Gruppe
dem Vergessen. Gastprofessuren führten Kořalka an deutsche und an britische
Hochschulen; außerdem engagierte er sich im Rahmen der
Tschechisch-Österreichischen Historikerkommission. Kořalka gehörte mehreren
wissenschaftlichen Gremien und Kommissionen an, die hier aufzuzählen den Rahmen
dieses Nachrufs sprengen würde.
Jiří Kořalka hat es in seinem Leben alles andere als leicht gehabt. Er hat in
mehreren schwierigen Situationen Anfeindungen, Neid und Unverständnis über sich
ergehen lassen müssen – auch von manchen renommierten Kollegen. Als Rentner
musste er in den letzten Jahren ein materiell äußerst bescheidenes Leben führen.
Ein schwerer persönliche Verlust war der frühe Tod seines Sohnes. Der Großvater
wurde daraufhin zum Ersatzvater für seinen Enkel.
Bei alledem kannte er weder Gram noch Verbitterung, sondern hatte bis zuletzt
eine positive Lebenseinstellung, ein ausgeprägtes Temperament und eine Freude am
Gegenstand seiner Arbeit, die sich auf viele seiner Schüler und Freunde
übertragen hat.
Seine Gesundheit war in den letzten Jahren angeschlagen. Am 30. Januar 2015 ist
Jiří Kořalka nach längerer Krankheit verstorben. Es bleibt uns die Erinnerung an
einen feinen und sensiblen Menschen, der am Leben und an der Entwicklung seiner
Mitmenschen regen Anteil genommen hat, dessen Vorträge gehaltvoll und engagiert
zugleich waren, weil sie ein bestimmtes Anliegen vermittelten. Aus Kořalkas
ausdrucksvollen Augen sprach stets waches Interesse, aber auch menschliche Güte.
Wir können dankbar dafür sein, dass er sein Wissen in zahlreichen Büchern und
Aufsätzen festgehalten hat. Diese eindrucksvolle gedruckte Hinterlassenschaft
bildet ein bleibendes geistiges Erbe der tschechischen Nation und wird ganz
bestimmt auch noch künftigen Generationen, die sich mit der Geschichte Böhmens
und der Tschechen beschäftigen, Wissen und zahlreiche Inspirationen liefern.
In unserem Herzen und in unserem Geist werden wir Jiří Kořalka stets ein
ehrendes Andenken bewahren. Čest jeho památce!
Dr. Tobias Weger (Oldenburg)
10. Februar 2015