Klaus Mann über Edvard Beneš 1937 und 1945
zit. aus Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht, München
1976, S. 412-418 und S. 569
“‘Hoffnung auf Amerika‘ hieß denn auch der Vortrag, den ich alsbald in Europa
hören ließ. Natürlich waren es nicht meine persönlichen kleinen Hoffnungen, von
denen ich den Leuten in Holland, Luxemburg, der Schweiz, Österreich, der
Tschechoslowakei berichtete; vielmehr ging es mir um die hoffnungsvollen Aspekte
und Potenzialitäten der amerikanischen Zivilisation, des amerikanischen
Charakters. Die europäischen Demokratien waren nicht verloren - wie ich meinen
Hörern klarzumachen suchte -, solange der demokratische Geist sich jenseits des
Ozeans mit solcher Vitalität und Macht behauptete. ‚Das Amerika Roosevelts ist
unser Bundesgenosse im Kampf gegen den Weltfaschismus‘: Ich stellte es mit
Überzeugung fest. ‚Bei all seinen Fehlern und Schwächen ist es doch im Kern
gesund, das Amerika Roosevelts. Mit seiner Hilfe siegt die Demokratie.‘
Dies klang tröstlich, und des Trostes bedurfte man im Europa von 1937, besonders
in den Ländern, die an Deutschland grenzten. Überall die gleiche moralische
Gelähmtheit, derselbe Defätismus angesichts der wachsenden Gefahr! Am
schlimmsten war es in Wien, wo man das Wort ‚Hoffnung‘ kaum noch auszusprechen
wagte: Es klang gar zu höhnisch und paradox. Hoffnung, in einem Lande, dessen
‚Freiheit‘ von frömmlerischen Bürokraten wie Schuschnigg und brutalen Tröpfen
wie Fürst Starhemberg verteidigt wurde? Das schlecht regierte, vom Westen im
Stich gelassene Österreich war nicht zu retten. - Ich wußte es, während ich
einer kleinen Schar von deprimierten Wiener Intellektuellen mit meinem
Amerika-Vortrag Mut zu machen suchte.
Und die Tschechoslowakei? Auch sie war bedroht; indessen durfte man dort noch
von Hoffnung reden. Das tschechische Volk, seinerseits bereit, jedem deutschen
Angriff aufs entschiedenste Widerstand zu leisten, verließ sich auf sein Bündnis
mit der französischen Republik und auf die Freundschaft mit der Sowjetunion. Vor
allem durften die Tschechen, im Gegensatz zu ihren österreichischen Nachbarn,
Vertrauen in die eigene Führung haben.
Thomas G. Masaryk, der ‚Befreier-Präsident‘, lebte noch zur Zeit meines
Besuches, war aber nicht mehr im Amt, sondern residierte in ländlicher
Zurückgezogenheit. Sein Freund und Nachfolger, Dr. Eduard Benesch, hatte die
Freundlichkeit, mich im Hradschin zu empfangen. Ich verbrachte eine Stunde
animierten Gespräches mit dem Manne, dessen Name - zusammen mit dem Namen
Masaryks - zum Symbol tschechischer Unabhängigkeit und Demokratie geworden war.
Ein Staatsmann - und doch ein Mensch! Ein kluger Politiker - und doch frei von
jedem Zynismus! Hätte Europa einem Führer von so seltenen Gaben nur etwas mehr
Macht eingeräumt! Hätte der Kontinent nur drei oder vier solcher Figuren gehabt,
neben dieser einen und einzigartigen: Die Geschichte der letzten Jahrzehnte,
unsere Geschichte, unsere Gegenwart sähe anders aus! Ich habe Benesch immer als
einen geistigen Vetter Roosevelts empfunden; die eigentümliche Mischung aus
Verschlagenheit und Idealismus, spontaner Generosität und berechnender Skepsis,
Intuition und Geduld ist ebenso charakteristisch für den großen Tschechen wie
für den größeren Amerikaner.
Sind es nur die ungeheuren Dimensionen seines Landes und die ebenso enormen
Konsequenzen seiner Tätigkeit, die uns Roosevelt als den Bedeutenderen
erscheinen lassen? Das Format einer historischen Gestalt läßt sich wohl kaum
absolut bestimmen; es wächst oder schrumpft mit der historischen Funktion, die
dem Individuum vom Schicksal aufgetragen. Denn eben dieser Schicksalsauftrag,
weit davon entfernt, zufällig oder sekundär zu sein, gehört ja untrennbar,
essentiell zum Phänomen der individuellen Größe. Das vitale Genie des
Präsidenten Roosevelt wirkt schon deshalb imposanter und erstaunlicher als die
sensitive Klugheit des Präsidenten Benesch, weil ja der Regent der Vereinigten
Staaten - mächtigster Mann der Welt - es keineswegs nötig gehabt hätte, genial
zu sein: Ein Mann in solcher Stellung kann sich alles leisten, auch die
Mittelmäßigkeit, wie das Beispiel manch eines mediocren Herrschers, in Amerika
und anderwärts, nur zu deutlich beweist. Die außerordentliche Begabung F. D. R.s
nimmt sich wie ein fürstlicher Luxus aus, während Benesch, immer gefährdet, von
einer prekären Situation zur nächsten manövrierend, durchaus auf seine Talente
angewiesen war.
‚Wenn ich schläfrig oder schlampig wäre, was würde aus meiner armen kleinen
Tschechoslowakei?‘ Mit dieser rhetorischen Frage beantwortete er meinen Hinweis
auf seine Umsicht, seine Wachsamkeit. Er verbreitete sich weiter über diesen
Gegenstand, der ihn auf eine etwas wehmütige, vielleicht sogar ein klein wenig
bittere Art zu amüsieren schien. ‚Die großen Herren dürfen Stümper sein‘,
erklärte er mit einem kurzen Lachen. ‚Aber um ein zahlenmäßig schwaches, von
überlegenen Nachbarn ständig bedrohtes Volk zu regieren, dazu bedarf es einer
gewissen Finesse.‘ Seine Miene war schlau, und er blinzelte mir beinah
schalkhaft zu, während er abschließend feststellte: ‚Unsereiner ist auf sein
Köpfchen angewiesen.‘ Es klang stolz, bei aller Bescheidenheit. Offenbar, er
hoffte, daß Intelligenz und Takt genügen würden, die ihm anvertraute Nation vor
neuer Heimsuchung, neuer Vergewaltigung zu bewahren.
Ein Optimist - Benesch war es wohl, auch in diesem Punkte Roosevelt ähnlich. Der
Herr des Weißen Hauses und der Herr des Hradschin, beide blieben von gelassener,
unerschütterlicher Zuversicht, auch bei scheinbar hoffnungsloser Lage. Weder der
eine noch der andere zweifelte wohl jemals am Sieg der Sache, die ihm nun
einmal, wiederum jenseits jeden Zweifels, als die richtige, gerechte galt.
Täuschten sie sich, waren sie in einer Illusion befangen, die zwei weltklugen
Moralisten und sittlich inspirierten Taktiker? Ihr Heldentum, ihre List, ihre
Kalkulationen und Intuitionen, die Opfer, die sie brachten und verlangten, war
alles umsonst? Sollte der ganze Aufwand sich als vergeblich erweisen? Der Sieg,
an den Roosevelt und Benesch glaubten, was wurde denn aus ihm, als er endlich
kam? Was sie am Schluß erlebten, war es überhaupt Sieg? Ihr Sieg? Oder war es
nur trügerischer Triumph, in dem künftige Katastrophen sich schon ankündigten
und vorbereiteten? Wußten sie dies in ihrer letzten Stunde - die beiden Sieger?
Die beiden Optimisten, starben sie in Verzweiflung, als Gescheiterte?
Solche Fragen drängten sich uns wohl auf, angesichts einer Weltsituation, deren
Düsterkeit jeden Hoffnungsstrahl und Glaubensschimmer gnadenlos verschlingt.
Aber vielleicht - wer wagt es zu entscheiden? - sind wir noch blinder in unserer
Verzweiflung, als jene es in ihrem Optimismus waren. Die menschliche Geschichte,
rätselhaft, undeutbar, wie das tragisch mysteriöse Geschöpf, der Mensch, von dem
sie geschaffen und durchlitten wird, kennt vielleicht weder Sieg noch
Niederlage, weder Erfüllung noch Scheitern, sondern im Kampf und Opfer, ewig
wiederholtes Spiel der Kräfte, ständige Bewegung - scheinbar ziellos oder doch
ohne ein Ziel, das uns erkennbar wäre. Wer an diesem wunderlichen Prozeß
teilnimmt mit vollem Einsatz aller seiner Kräfte, der hat doch wohl nicht ganz
umsonst gelebt, auch wenn sein irdisch Werk hinfällig ist und umsonst gewesen zu
sein scheint.
Umsonst? Darauf läuft es wohl stets hinaus in dieser chimärisch uneigentlichen,
der Apokalypse verfallenen Welt. Umsonst? Dies Urteil gilt für alle unsere
Taten. Was wir auch wollen oder leisten mögen, unser Glaube, noch das schönste
Werk - es ist Sünde und Irrtum: In der dunklen Stunde, die auch die Stunde der
Erleuchtung ist, wird diese Ahnung zur bittersten Gewißheit. Aber wenn nicht
mehr gesündigt und geirrt, nicht mehr gehandelt würde, wäre das nicht noch
schlimmer? Es wäre noch schlimmer. Aus irgendeinem Grunde - unserer Einsicht
durchaus entzogen, aber dennoch zwingend - bleiben wir zur vergeblichen Tat, zum
‚Umsonst‘ verpflichtet. Verhält es sich etwa so, daß wir handeln müssen, um die
Fragwürdigkeit jeder Aktion immer wieder unter Beweis zu stellen?
... Ich hänge diesen Gedanken nach und bringe sie zu Papier, weil mir besinnlich
und bewegt zumute wird bei der Erinnerung an eine Stunde in der Prager Burg. Der
Mann mit den freundlich angeregten, gescheiten, freilich auch etwas
Überanstrengten, gespannten Zügen, der mir hinter dem breiten, schlichten
Schreibtisch gegenübersaß, fühlte sich zum Handeln angehalten, bedurfte also
wohl des Glaubens an die ethische Legitimität und praktische Erfolgsmöglichkeit
seines Tuns. In fließend lebendiger, vielleicht gar zu logisch aufgebauter und
daher leicht pedantisch wirkender Rede resümierte und analysierte er die
Faktoren, von denen, seiner Ansicht nach, die internationale Situation um diese
Zeit - im Frühling des Jahres 1937- entscheidend beeinflußt wurde. Der Schluß,
zu dem er kam, lautete kurz und bündig: ‚Wir schaffen es!‘ Die demokratische
Seite, die Friedenspartei, zu der er natürlich nicht nur die Westmächte, sondern
auch Rußland zählte, sei unvergleichlich stärker als die
imperialistisch-faschistische Koalition. Hitler und seine Vasallen würden den
Angriff nicht wagen. Der wohlinformierte, wachsame und kluge Mann am
Schreibtisch schien fest davon überzeugt. ‚Es kommt nicht zum Kriege!‘ versprach
er mir, die intelligente Miene freundlich erhellt, dabei ein wenig müde. Und,
mit lehrerhaft erhobenem Zeigefinger: ‚Hören Sie meine Grinde!‘
In seiner böhmisch gefärbten Aussprache wurde das deutsche >ü< zum >i<, eine
Eigenheit, deren ich mich gerührt erinnere. Er legte mir die ‚Grinde‘ dar, von
denen keiner mir so recht stichhaltig scheinen wollte. Alles, was er zu sagen
hatte, war vernünftig; alles war falsch, weil die Vernunft eben nicht recht
behält. Er war ein Optimist, und Optimisten irren. Aber die Pessimisten, irren
die etwa nicht? Ich bin kaum geneigt, mir in so heikler Frage ein Urteil
anzumaßen.
Mein Urteil ist von der menschlichen Sympathie und vom moralischen Instinkt her
bestimmt, nicht von den zugleich grob pragmatischen und schillernd relativen
oder wandelbaren Kategorien des ‚Falsch‘ und ‚Richtig‘. Der zu Irrtümern
geneigte Dr. Eduard Benesch war, meinem gefühlten Urteil nach, ein guter Mann -
der besten einer, die ich kennen durfte. Ich bin stolz darauf, daß er mich
seines Vertrauens würdigte und alle seine ‚Grinde‘ hören ließ, sowenig
stichhaltig diese vielleicht auch waren.
Übrigens wußte er wohl im Grunde selbst, daß seine rationalistisch-optimistische
Argumentation nicht auf gar zu festen Füßen stand. Zum Abschied - ich stand
schon im Rahmen der offenen Tür, zwischen ihm und mir lag eine ziemlich weite
Fläche spiegelnden Parketts - rief er, ein wenig überraschend: ‚Auf Wiedersehen!
Und was auch geschehen mag, ich wünsche beste Nerven!‘ Wobei er mir vom
Schreibtisch her flüchtig zuwinkte, als entfernte ich mich auf einem leichten
Kahn und ließe ihn, den nicht mehr ganz Jungen (ja, er schien plötzlich beinah
alt!), auf gefährlichem Posten zurück. ‚Beste Nerven‘ - ja, die brauchte man, um
im Zeichen des Vulkans zu leben und gar auch noch produktiv zu bleiben. Wohin
wir unsere Schritte wenden mochten - überall gemahnte uns das dumpfe Grollen an
die Unabwendbarkeit, die Unentrinnbarkeit der Explosion. Das ominöse Geräusch
blieb mir sehr wohl vernehmlich, während ich den ‚Grinden‘ des Dr. Benesch
lauschte; beim heiteren Gespräch mit Freunden, in jazz-durchkreischter Bar, auf
der geschäftig lauten oder nächtlich beruhigten Gasse, im Konzertsaal, am
Arbeitstisch - immer die quälend monotone Begleitmusik, das warnende Gebrumm aus
unheilschwangerer Tiefe. Wann kam der Ausbruch? Die Zeit bis dahin war nur
Gnadenfrist.
‚Auf Wiedersehen!‘ hatte Benesch, der Optimist, gesagt, ehe er mir ‚beste
Nerven‘ wünschte. Auf Wiedersehen - Wo? Wann? Unter Verhältnissen welcher Art?
Ich war, wie sich versteht, nicht taktlos genug, die Frage auszusprechen; aber
er las sie wohl in meinem bangen Blick, als er - einsame Figur im prunkhaft
weiten Raum - so melancholisch winkte. (Das Wiedersehen fand in Chicago statt.
Von der Prager Burg wehte das Hakenkreuz.)”
***
[...] 1945: Klaus Mann an Eva Herrmann, Paris, den 1. Juli 1945
“Dabei ist es keineswegs nur Arges, was ich so mitmache. Laß Dir etwa erzählen,
wie festlich-aufgeregt es zuging im befreiten Prag und von meinem Gespräch mit
Benesch. Am 19. Mai war ich bei ihm, mit einem Kollegen von den Pariser ‚Stars
ans Stripes‘, zwei Tage nach seiner triumphalen Heimkehr. Wie rührend, ihm
wiederzubegegnen, ebenso wohlerhalten und unverändert wie sein schönes
Arbeitszimmer im Hradschin, wo ich ihn vor acht Jahren zuletzt gesehen. Seither
ist ihm manches widerfahren; erst Bitteres, zuletzt auch Schönes. Nach der
Verbannung und dem langen Kampf empfängt er nun die Huldigung, den
tief-bewegten, tief-bewegenden Dank seines freien und stolzen Volkes. Nicht
einmal der Gründer der Republik, Thomas G. Masaryk, ist, wie man mir versichert,
mit solchem Überschwang empfangen worden.
Kein Wunder, daß Beneš strahlt. Sein Optimismus hat recht behalten – bis auf
weiteres... [...] Von entscheidender, primärer Wichtigkeit sei das
Weiterbestehen und die Konsolidierung der angelsächsisch-russischen Allianz.
Diese Bemerkung, von Benesch mit großem Ernst vorgebracht, bildete den Abschluß
unserer langen Unterhaltung. ‚Davon hängt alles ab – für unser Land, für unser
Kontinent, für die Menschheit. Ohne die Zusammenarbeit zwischen Ost und West
gibt es keinen Frieden, nicht für die Tschechoslowakei, nicht für die Welt.
Davon hängt alles ab!‘ Er wiederholte es, mit warnend erhobenem Zeigefinger.”