Karel Hruza: „Wissenschaftliches Rüstzeug für aktuelle politische Fragen“. Kritische Anmerkungen zu Werk und Wirken der Historiker Wilhelm Weizsäcker und Wilhelm Wostry, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 54, 2005, H.4, S. 475-526

Der Wiener Mediävist Karel Hruza liefert in seiner Studie ein vorbildliches Beispiel für einen empirisch fundierten und zugleich intelligenten Umgang mit dem historiographischen Erbe der sudetendeutschen Geschichtsschreibung. Seine Abhandlung über die beiden namhaften Historiker Wilhelm Weizsäcker und Wilhelm Wostry, die der tschechischen Öffentlichkeit schon im Jahre 2004 vorgestellt worden ist*, liegt nun in etwas veränderter Form auch der deutschen Fachwelt vor.

Hruzas Behandlung der sudetendeutschen Historiker ist deshalb für die deutschsprachige Historiographie als neu und bahnbrechend zu bezeichnen, weil sie sich wohltuend unterscheidet von der noch immer verbreiteten Desorientierung vieler deutscher Historiker, was das NS-Erbe ihres Faches angeht. Hruza versucht nicht, das Eine ‚ein wenig‘ zu rechtfertigen und das Andere ‚ein wenig‘ zu verurteilen, sondern er betrachtet die spezifische Lebenssituation der sudetendeutschen Historiker aus der klaren Sicht eines NS-Gegners. Das verrät seine Terminologie ebenso wie seine Fragestellungen. So waren etwa in seinen Augen die sudetendeutschen Historiker weitaus besser über das NS-Regime informiert als ihre ‚reichsdeutschen Kollegen‘, da sie die Chance hatten, das Dritte Reich zunächst fünf Jahre lang von außen, aus einer funktionierenden parlamentarischen Republik, zu betrachten: „Wer wollte, konnte die Etablierung der Diktatur beobachten, und bis zur Okkupation der (Rest-)ČSR im März 1939 waren KZs, die ‚Nürnberger Rassegesetze’, die ‚Reichskristallnacht’ und Emigrationsströme Wirklichkeit geworden; nicht zuletzt wurde den Sudetendeutschen der ‚Anschluß’ Österreichs vorgeführt. Es gab Möglichkeiten, sich vom Charakter der Regierung Hitlers zu überzeugen“ (Hruza, S. 478) Hruza Frage, ob diese Situation Einfluß auf das Verhältnis sudetendeutscher Historiker zum NS-Regime gehabt habe, und wenn ja, welchen, bereichert die bisherige Forschung zur Geschichte der deutschen Historiographie nicht unwesentlich: Am Beispiel der historischen Bohemistik vermag er auf diese Weise wichtige Einsichten sowohl zur Geschichte des Nationalsozialismus als eines alldeutschen Phänomens wie auch zur Geschichte der Böhmischen Länder beizusteuern.

Am Ende der Untersuchung stehen Weizsäcker und Wostry für zwei verschiedene, gleichzeitig aber
doch auch einander nahestehende Linien der sudetendeutschen Geschichtswissenschaft. Für den zehn Jahre jüngeren Weizsäcker war eine aktive politische Radikalität prägender als für den ‚Beamten der alten Schule‘, Wostry, obgleich beide das NS-Regime begrüßten und unterstützten. Beide haben in Hruzas Augen „als ‚nur‘ schreibende und vortragende Historiker ‚moralische und wissenschaftliche Mitverantwortung‘ auf sich genommen“ und „legitimatorische Mitschuld am Funktionieren des NS-Regimes“ getragen:

„Eine Voraussetzung dafür war die von Anbeginn vorhandene Zweckgebundenheit der sudetendeutschen Geschichtsforschung für identitätsstiftende Ziele, die sich reibungslos in die deutsche ‚Volksgeschichte’ integrierte und ihren Protagonisten einen fast bruchlosen Weg ins Dritte Reich ermöglichte.“ (Hruza, S. 525)

In der deutschen historischen Bohemistik wurde in den vergangenen drei Jahren die NS-Vergangenheit sudetendeutscher Historiker zwar enttabuisiert. Trotzdem bleibt festzuhalten, daß die heute maßgeblichen deutschen Bohemisten mit dem Thema anders umgehen als Karel Hruza. Die oben erwähnte Desorientierung vieler Bohemisten wird gerade anhand Hruzas Studie als Folge der in der Nachkriegszeit gängigen Vernebelungspraktiken deutlich erkennbar und verständlich. So korrigiert etwa Karel Hruza die über Jahrzehnte hindurch „vor allem in sudetendeutscher Innensicht“ populäre Meinung, „daß erst 1938/39 mit dem Einmarsch der ‚Reichsdeutschen‘, also ‚von außen‘, eine Infiltration der sudetendeutschen Geisteswissenschaftler mit NS-Gedankengut stattfand, oder gar postuliert wurde, auch während der Protektoratszeit sei letztlich nur sachliche und objektive Forschung betrieben worden“ (Hruza, S. 477).

Wenn wir bedenken, daß die heute maßgeblichen deutschen Bohemisten in einer solchen Gedankenwelt ausgebildet wurden, ist es kaum verwunderlich, wenn etwa Joachim Bahlcke über Wilhelm Weizsäcker aus einer völlig anderen Perspektive als Karel Hruza schreibt, indem er weniger Fragen stellt und für Verständnis für Weizsäcker wirbt** – etwa mit dem Argument, daß Weizsäcker den Nationalsozialismus als bloßen „Revisionismus“ mißverstanden habe (Bahlcke, S. 406), oder mit der Behauptung, seine offenen Sympathiebekundungen für das NS-Regime lasse sich „nicht recht in das Bild des feinsinnigen, kleinen Mannes“ einfügen. Bahlcke zeigt sich auch deutlich als gelehriger Schüler seiner akademischen Lehrer, deren Geschichtsbilder des sog. Volkstumskampfes er übernahm: „Weizsäckers reservierte Haltung gegenüber dem demokratischen Parteienstaat erklärt sich weniger aus einer weltanschaulich-ideologischer Ablehnung parlamentarischer Grundsätze als vielmehr aus der konkret als Benachteiligung und Ausgrenzung empfundenen politisch-gesellschaftlichen Stellung des deutschen Bevölkerungsteils nach 1918“ (Bahlcke, S. 408). Selbst das Klischee der vermeintlichen ‚Wissenschaftlichkeit‘ der NS-Historiker wie Weizsäcker verbreitet Bahlcke nach wie vor:

„Auf ganze gesehen ist es Weizsäcker im Vergleich mit anderen Hochschullehrern während der Protektoratszeit zwar größtenteils gelungen, seine eigenen Forschungen zur böhmischen Rechtsgeschichte, trotz aller Versuche zur Indienstnahme der wissenschaftlichen Forschungen zur Propagierung des Dritten Reiches und zur Einbeziehung in die nationalsozialistische Unterwerfungs- und Vernichtungspolitik kontinuierlich und mit Erfolg fortzusetzen; seine fachlichen Veröffentlichungen und Vorträge in den Jahren vom Münchner Abkommen bis zum Ende des Krieges zeigen, daß er seine wissenschaftlichen Kräfte vorrangig auf Quellenstudien und Detailforschungen konzentrierte, die von ideologischen Gegenwartsinteressen im engeren Sinne losgelöst waren“ (Bahlcke, S. 411).

Karel Hruza dagegen zeigt Wilhelm Weizsäcker als einen Historiker, der sich „wie nur wenige Historiker neben ihm für das NS-Regime“ engagiert hat (Hruza, S. 487) und der auch aus der Sicht des SD „zur Speerspitze jener Wissenschaftler in Prag gehörte, an deren politischer Standfestigkeit nicht zu zweifeln war“ (Hruza, S. 489). Im persönlichen Leben schildert er ihn auch in der „Rolle als kaltherziger und kleinlicher Profiteur einer ‚Arisierung‘ und seiner möglichen Kontakte zum NS-Verbrecher Alois Brunner“ (Hruza, S. 486). Weizsäckers ‚wissenschaftliche‘ Tätigkeit veranschaulicht schon ein kleiner Hinweis aus Hruzas sorgfältigen Forschungen:

„Wie sehr er damals ‚wissenschaftliche‘ Ansichten vertrat, die konform zur politischen Linie des NS-Regimes verliefen, zeigt exemplarisch sein 1941 gehaltener Vortrag über Leitmeritz (Litoměřice). Kämpferisch wird darin eine mit der ‚Kulturträgertheorie’ verbundene ethnozentrische Grundtendenz ausgedrückt, deren Konsequenz lautet: Die böhmischen Länder sind ‚deutscher Kulturboden’ und zum Deutschen Reich gehörig; die Errichtung des Protektorats ist legitim“ (Hruza, S. 486f.).

Hruza weist ebenfalls auf Weizsäckeres antisemitische Äußerungen in einer „pseudowissenschaftlichen ‚rechtsgeschichtlichen’ Skizze“ hin (Hruza, S. 493) und schließt mit einer eindeutigen Feststellung: „Als Nationalsozialist hat er die Maßnahmen des NS-Regimes begrüßt, aktiv mitgetragen und gleichzeitig Privilegien genossen, die anderen Geisteswissenschaftlern versagt blieben“ (Hruza, S. 494).

Die Enttabuisierung der NS-Vergangenheit in der deutschen Bohemistik ist sicherlich ein längst fälliger und begrüßenswerter Schritt in die richtige Richtung. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie die deutsche Bohemistik nach dem Krieg und bis heute über den Nationalsozialismus geschrieben hat und schreibt, steht allerdings noch aus. Sie bleibt wohl erst einer künftigen Generation vorbehalten, wenn diese die methodische und intellektuelle Anregung Karel Hruzas aufgreift und weiterführt. Nur, wenn die jungen deutschen Bohemisten nicht nur die NS-Vergangenheit namhafter sudetendeutscher Historiker, sondern auch die geistigen Verwirrungen ihrer eigenen akademischen Lehrer in der Nachkriegszeit enttabuisieren, erforschen und zur Diskussion stellen werden, kann das kulturhistorische Erbe des sog. sudetendeutschen Volkstumskampfs überwunden werden.


* Wilhelm Wostry a Wilhelm Weizsäcker: vzorní mužové, řádní učenci a věrní vlasti synové? [Wilhelm Wostry und Wilhelm Weizsäcker: Vorbildliche Menschen, gründliche Gelehrte und treue Söhne der Heimat?], in: Německá medievistika v českých zemích do roku 1945, hg. v. Pavel Soukup und František Šmahel, Praha 2004, S. 305–352

** Joachim Bahlcke: Wilhelm Weizsäcker (1866-1961), Jurist: Rechtsgeschichte und Volksgemeinschaft, in: Prager Professoren 1938-1948. Zwischen Wissenschaft und Politik, hg. V. Monika Glettler und Alena Míšková, Essen 2001, S. 391-411

© Eva Hahn und Hans Henning Hahn