Václav Houžvička: Návraty sudetoněmecké otázky [Die fortwährende Rückkehr der sudetendeutschen Frage]



Praha: Univerzita Karlova v Praze/Nakladatelství Karolinum 2005, 543 S.


Dies ist ein ungewöhnlich wichtiges Buch. Vor uns liegt die erste umfassende wissenschaftlich fundierte Studie zur Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen in den Böhmischen Ländern; sie wird wahrscheinlich für kommende Generationen das Standardwerk zu diesem Thema überhaupt bleiben. Diese These mag zunächst sehr gewagt anmuten, gibt es doch viele Bücher, die sich mit den deutsch-tschechischen Beziehungen befassen. Schaut man sich dann die möglichen Alternativen oder Konkurenten an, wird sich das Erstaunen legen. Es gibt Studien zu einzelnen Detailfragen oder einzelnen Perioden, daneben dann auch so umfassend klingende und viel gelesene Buchtitel wie Emanuel Rádl: Der Kampf zwischen Tschechen und Deutschen aus dem Jahre 1928 oder Ferdinand Seibt: Deutschland und die Tschechen aus dem Jahre 1979 (in zahlreichen späteren Neuauflagen); letztere sind beide essaystisch geschriebene Bücher, die nicht die Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen zum Thema haben, sondern die subjektiven Beobachtungen und Urteile ihrer Autoren enthalten. Seit den 1950er Jahren dient vielen deutschen Lesern das Buch „Europas Weg nach Potsdam“ von Wenzel Jaksch als Informationsquelle zur Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen in Böhmen, aber dabei handelt es sich um eine an das gesamte „Europa“ gerichtete politische Anklage wegen der Vertreibung und um die subjektive Selbstrechtfertigungsschrift eines gescheiterten Politikers. Den zahlreichen Autoren, die Bücher über „Deutsche und Tschechen“ geschrieben haben, ist es meist entgangen, daß historische Geschichtsdarstellungen über zwei Nationen nicht mit Forschungen zur Geschichte der Beziehungen zwischen ihnen zu verwechseln sind, so ähnlich, wie man Lebensläufe von zwei Menschen nicht mit der Geschichte einer Ehe, einer Nachbarschaft oder eines Konflikts verwechseln sollte.

Am Thema selbst haben sich viele Autoren bisher schon bemüht; besonders in Deutschland gibt es kaum einen Bereich der tschechischen Geschichte, für den sich eine so langen Bibliographie von Titel unterschiedlichster Provenienz herbeten ließe wie das Thema deutsch-tschechische Beziehungen in Böhmen. Man könnte sogar die These zur Diskussion stellen, ob nicht der weitaus größte Teil der deutschsprachigen historischen Bohemistik unter der Perspektive der deutsch-tschechischen Beziehungen in Böhmen geschrieben worden ist. Mal in vulgärer Rhetorik, mal in feiner artikulierten und mal in schablonenhaften Formen, mal recht informativ, mal mit deutlich agitatorisch und mal mit wissenschaftlich anmutenden rhetorischen Mitteln geschrieben, sagen viele Publikationen meist nur das eine und dasselbe aus: Die sog. vornationale Idylle wurde irgendwann im 19. Jahrhundert vom tschechischen Nationalismus ge- und zerstört, die deutschsprachige Bevölkerung in den böhmischen Ländern in die Defensive gedrängt und 1918 die Tschechoslowakei als ein Nationalstaat gegründet, obwohl es sich um einen sog. Nationalitätenstaat gehandelt habe; danach sollen zwar auch manche Deutsche einem vermeintlich übersteigerten Nationalismus verfallen worden sein, aber alle seien nach dem Zweiten Weltkrieg ungerechterweise mißhandelt und vertrieben worden sein. Danach wird das Geschichtsbild der tschechischen Nation auf die Beschreibung des kommunistischen Regimes als einer dem NS-Regime ähnlichen Form des sog. Totalitarismus reduziert, der die Uneinsichtigkeit der tschechischen Nation in solchem Ausmaß bestärkt haben soll, daß sie sich bis heute weigere, ihre vermeintlichen Kollektivsünden zuzugeben. Anderen Bereichen der modernen tschechischen Geschichte wurde bisher wesentlich weniger Aufmerksamkeit seitens der deutschsprachigen Bohemisten zuteil, so daß letztere ihre Wahrnehmung der tschechischen Geschichte weitgehend auf die Nationalitätenfragen und die Vertreibung reduzieren.

Tschechische Autoren wiederum haben sich häufig zu Themen der deutsch-tschechischen Beziehungen im Rahmen allgemeiner historischer Studien oder in einzelnen Detailstudien zur Geschichte der böhmischen Länder geäußert, aber kaum die deutsch-tschechischen Beziehungen als ein konkretes Untersuchungsthema gewählt. Jan Křens heute viel gelesenes Buch „Konfliktgemeinschaft: Deutsche und Tschechen 1780-1918“ (dtsch. 1996) beschreibt beispielsweise die Deutschen und Tschechen in den böhmischen Ländern als eine mit Konflikten belastete Gemeinschaft und bietet wertvolle Informationen zum Thema der deutsch-tschechischen Beziehungen im genannten Zeitraum, aber im Fokus seines Buches steht die „Konfliktgemeinschaft“ und keineswegs die Geschichte der vielfältigen Beziehungen. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Sammelbände mit bemerkenswerten Erkenntnissen und Informationen zu dem Thema erschienen, aber meist handelt es sich um Versuche, die deutsche und tschechische Geschichte parallel darzustellen und keineswegs um Versuche, die Beziehungen analytisch zu untersuchen.

Die Autorenliste jener Literatur, wo man Informationen zur Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen suchen könnte und sollte, wäre lang, aber expressis verbis als Beziehungsgeschichte fokusierende Veröffentlichungen sind selten; zwei der wenigen solcher beziehungsfokussierten Bücher schrieb die britische Historikerin Elisabeth Wiskemann, aber keines wurde erstaunlicherweise bis heute ins Deutsche oder ins Tschechische übersetzt (Wiskemann, Elizabeth: Czechs & Germans. A Study of the Struggle in the Historic Provinces of Bohemia and Moravia. London et al. 1967, 1st ed. 1938; Wiskemann, Elizabeth: Germany‘s Eastern Neighbours. Problems Relating to the Oder-Neisse Line and the Czech Frontiers Regions. London et al. 1956.)

Václav Houžvička beschäftigt sich mit der Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen, und daraus ergeben sich spezifische Probleme. Houžvička ist nicht dem Irrtum verfallen, daß sich aus einer Darstellung zweier in einem Staat koexistierender nationaler Gesellschaften wie von selbst eine Darstellung ihrer Beziehungen ergibt. Er weiß auch, daß die Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen nicht als die Geschichte zwischenstaatlicher Beziehungen untersucht werden kann, wie es etwa im Falle der deutsch-britischen oder deutsch-französischen Beziehungen möglich ist. Die modernen Nationsbildungsprozesse der deutschsprachigen Gesellschaft sowie die Suche nach einem modernen deutschen Nationalstaats fanden in der Habsburgermonarchie, im wilhelminischen Deutschen Reich, in der Weimarer Republik, im NS-Dritten Reich sowie dem territorial erweiterten Großdeutschen Reich und schließlich in den beiden deutschen Staaten der DDR und der BRD statt. Dadurch nahm der deutsche Nationsbildungsprozeß äußerst komplizierte Formen an und wirkte sich mit Hilfe unterschiedlicher Akteure in immer wieder neuen Formen auch auf das Leben der tschechischen Nation aus. Der tschechische Weg zur Entstehung der heutigen Tschechischen Republik war einfacher, da die Grenzen mit Ausnahme der Jahre 1938-1945 stabil blieben. Dennoch erlauben es die vielfach veränderten staatlichen Strukturen der modernen tschechischen Geschichte genauso wenig, die deutsch-tschechischen Beziehungen als zwischenstaatliche Beziehungen zu erfassen, wie sie nicht mit einer zweigleisigen Geschichtsdarstellung der Vergangenheit im heutigen Tschechien verwechselt werden dürfen.

Houžvičkas Entscheidung, nicht die Beziehungsgeschichte mit der Geschichte der Tschechen oder der Deutschen als der Geschichte zweier ethnischer Gemeinschaften zu verwechseln, sondern die Aufmerksamkeit auf die Beziehungsgeschichte zu lenken, half ihm, den spezifischen Schwierigkeiten dieser Beziehungsgeschichte gerecht zu werden. Er behandelt alle die Themen, die für die deutsch-tschechischen Beziehungen relevant waren, und fokussiert daher nicht auf die tragenden Nationen, sondern auf sachliche Themenbereiche. Da das konfliktfreie bzw. konfliktarme Leben nebeneinander noch allein keine Beziehung ergibt, konzentriert sich seine Untersuchung auf die konfliktogenen Aspekte des deutsch-tschechischen Zusammenlebens. Seine Auffassung der deutsch-tschechischen Konflikte unterscheidet sich jedoch von der traditionellen völkischen Sicht solcher Konflikte als Konflikte zwischen zweier Ethnien, indem er die Konfliktthemen untersucht, ihre historischen Entwicklungen verfolgt und ihre jeweiligen historisch spezifischen Formen behandelt, ohne diese Konflikte als unabdingbare Folgen der deutsch-tschechischen Nachbarschaft aufzufassen.

Der Titel des Buches „Die fortwährende Rückkehr der sudetendeutschen Frage“ weist auf die Kontinuitäten der Konfliktthemen in der Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen in Böhmen im Laufe des 20. Jahrhunderts hin. Die deutsch-tschechische Beziehungsgeschichte wird dabei in den Kontext der gesamteuropäischen Geschichte eingebettet. Houžvičkas Darstellung beginnt mit der Entstehung der deutsch-tschechischen Beziehungen im Zeitalter der modernen Nationsbildungsprozesse im 19. Jahrhundert. Der größte Teil der Studie beschäftigt sich mit dem 20. Jahrhundert. Die innenpolitischen Aspekte der deutsch-tschechischen Beziehungen bis 1945 werden hier nicht isoliert, sondern als ein Bestandteil der Beziehungsgeschichte zwischen den böhmischen Ländern und der späteren Tschechoslowakei bzw. der Tschechischen Republik einerseits und den umliegenden deutschsprachigen Ländern, d. h. der Habsburgermonarchie, Österreichs sowie des Deutschen bzw. Großdeutschen Reiches und der BRD andererseits, behandelt. Alle behandelten Themen werden stets in den Kontext der europäischen Geschichte verortet. Die Konfliktthemen faßt der Verfasser unter der Bezeichnung ‚sudetendeutsche Frage‘ zusammen, weil sie zwar auf eine Vorgeschichte im 19. Jahrhundert anknüpfen, aber im 20. Jahrhundert in Europa allgemein als die sog. sudetendeutsche Frage wahrgenommen wurden. Im Unterschied zu der gängigen Praxis der bisherigen Literatur wird hier die sudetendeutsche Frage aber auch in ihrer Kontinutität durch das gesamte 20. Jahrhundert behandelt. Deshalb beschäftigt sich der Verfasser ausführlich auch mit der Geschichte der sudetendeutschen Organisationen in der Geschichte der BRD sowie mit den sich daraus ergebenden bis heute andauernden Belastungen der deutsch-tschechischen Beziehungen, die er aus seiner Perspektive historisch und europapolitisch verortet. Von besonderem Interesse sind auch die Informationen über die Auswirkungen der von den sudetendeutschen Organisationen erhobenen Forderungen auf das politische Leben sowie auf die Öffentlichkeit der Tschechischen Republik. Der umfangreiche Anmerkungsapparat bietet ebenfalls eine spannende Lektüre ergänzender Informationen und argumentativer Auseinandersetzungen mit der einschlägigen Literatur. Im Anhang finden sich Auszüge aus ausgewählten Dokumenten, die im Text behandelt werden und aus den Jahren 1938-2002 stammen.

Bei dieser Studie handelt es sich nicht um die Illustration einer vorgefertigten interpretatorischen Schablone. Sie bietet keine Rechtfertigungen der einen oder anderen Haltung oder Handlung. Sie stellt die Vielfalt und Wandelbarkeit der deutsch-tschechischen Beziehungen dar und bietet daher keinerlei zusammenfassende Interpretation von vermeintlich historisch beständigen Formen dieser Beziehungen. Václav Houžvička formuliert nichts, was als ‚Essenz‘ oder als etwas ‚Permanentes‘ aus der Geschichte herauskristallisiert werden könnte. Er schildert unterschiedliche Themenbereiche, Argumente und politische Konflikte, erläutert sie und konfrontiert sie mit Betrachtungen aus anderen Perspektiven. Sein Buch ist eine problemorientierte Studie, wie schon der Titel andeutet: im Mittelpunkt seiner Betrachtung steht die Frage: Worum ging es in der sog. sudetendeutschen Frage, d. h. was waren die umstrittenen Themen und welche Stellungnahmen zu diesem Themen liegen vor?

Im Unterschied zu den meisten Texten in diesem Themenbereich, handelt es sich hier um ein diskursiv geschriebenes Buch. Houžvička formuliert keine postulativen Sätze, sondern er tastet sich an die behandelten Themen und Probleme heran, stets zugleich darstellend und hinterfragend. Man könnte diesen seinen Stils am Beispiel des viel strapazierten Themas „Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen in den mehrheitlich deutsch besiedelten Grenzgebieten in den 1930er Jahren“ (S. 136-142) illustrieren. Mit einem relativ kurzen Text belehrt uns Houžvička nicht darüber, was damals geschah, sondern er informiert uns darüber, welche Informationen vorliegen, wie welche Informationen damals gedeutet wurden, welche Haltungen welche Parteien und politisch relevante Gruppierungen eingenommen haben und wie spätere Historiker die zweifellos destabilisierenden Auswirkungen der wirtschaftlichen Entwicklungen auf das vorhandene Klima der deutsch-tschechischen Beziehungen in den Umbruchsjahren 1920/30er Jahren beurteilt haben. Sein Text ist informationsreich, ohne mit irrelevanten Daten überfrachtet zu sein, er fokussiert auf Darstellung und daher auf Informationsvemittlung, aber er deutet und urteilt nicht.

Einem ähnlichen Stil im Umgang mit Informationen begegnen wir auch im umfassenden Anmerkungsapparat. Hier werden nicht nur Buchtitel genannt, sondern hier finden oft spannende Auseinandersetzungen mit Detailinformationen statt. Zu den Stärken von Houžvičkas Umgang mit der vorhandenen Fachliteratur zählt auch seine Belesenheit in allen drei großen Sprachbereichen des historischen Bohemistik: seine Kenntnisse der tschechischen, deutschen und anglo-amerikanischen Fachliteratur sind beeindruckend. Auch dies trägt zu seinem nicht rechtfertigendem, sondern argumentativ diskursivem Stil bei. Sein Buch zeigt die enge Verflechtung der einschlägigen Literatur, die sich bei sachbezogenen und problemorientierten Betrachtung keineswegs in drei Gruppen entsprechend der Sprache, in der einzelne Autoren ihre Werke veröffentlichten, oder gar nach der nationalen Zugehörigkeit der Autoren aufteilen läßt.

Die tschechische Gesellschaft sowie ihre deutschsprachigen Nachbarn erscheinen in dieser Studie nicht als zwei ethnische Gemeinschaften, sondern als zwei vielfältige politische Gesellschaften. Deswegen werden auch die deutsch-tschechischen Beziehungen hier nicht als Beziehungen zweier Ethnien dargestellt, sondern es werden die Akteure und Träger der jeweiligen Auseinandersetzungen benannt. Houžvičkas Thema sind konkrete politische Konflikte innerhalb eines Teils der modernen europäischen Gesellschaft, d. h. Konflikte, die vor allem die deutschsprachige Welt und die tschechische Nation betrafen, aber im Kontext der modernen europäischen Geschichte ausgetragen wurden und die Entstehungsgeschichte der beiden Staaten, der BRD sowie der Tschechischen Republik, begleiteten. Die gegenwärtigen Belastungen der deutsch-tschechischen Beziehungen werden daher als Belastungen der zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen der BRD und der Tschechischen Republik analysiert, die sich aus jener Geschichte ergeben, die zur Entstehung dieser beiden Staaten geführt hat, namentlich aus der deutsch-tschechischen Beziehungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

Die problemorientierte Betrachtung der deutsch-tschechischen Beziehungen anstelle der gängigen ethnisch konzipierten Bilder der deutsch-tschechischen Konflikte als eines ‚Volkstumskampfs‘ oder ‚Nationalitätenkonflikts‘ zeigt deutlicher als alle bisherigen Beiträge zur Erforschung dieses Themas, mit welchen umstrittenen Fragen die historischen Belastungen dieser Beziehungen zusammenhängen. Houžvička weist nach, wie in unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Akteure in unterschiedlichen Formen die deutsch-tschechischen Konflikte ausgetragen haben, daß diese Konflikte stets die Suche nach modernen nationalen Identitäten begleiteten und im Zuge der deutschen Staatenbildung die tschechische Nation unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen haben. Die böhmischen Länder spielten seit dem 19. Jahrhundert in den Vorstellungen unterschiedlicher deutscher Autoren die Rolle einer wichtigen Region in einem erstrebenswerten deutschen Nationalstaat oder in einem direkt oder indirekt von Deutschland dominierten Mitteleuropa. Auf solche von unterschiedlichen deutschsprachigen Autoren, politischen Gruppierungen, Parteien oder Regierungen propagierten Vorstellungen regierten unterschiedliche Teile der tschechischen Nation in vielfältigen Formen. Deswegen läßt sich die Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen nicht auf die Geschichte von interethnischen Beziehungen reduzieren, sondern kann ausschließlich als politische Geschichte erfaßt werden. Und genau das ist Václav Houžvička in seiner sachlich problemorientierten Studie gelungen.

Die sog. sudetendeutsche Frage entpuppt sich in dieser Perspektive als die Geschichte unterschiedlicher Konzepte zur Regelung des deutschen und tschechischen Selbstbestimmungs- und Mitbestimmungsrechts in unterschiedlichen Staatsformen auf dem Gebiet des heutigen Tschechien. Die diesbezüglichen deutschen Vorschläge und Bestrebungen waren vielfältig, seit den Stimmen in der Frankfurter Nationalversammlung 1848, wo die Einbeziehungen der gesamten böhmischen Länder in den künftigen deutschen Nationalstaat gefordert wurde, über die vielfachen Bemühungen, die böhmischen Länder nach ethnischen Kriterien zu teilen, über die vielfältigen Pläne, das gesamte Mitteleuropa unter deutscher Vorherrschaft zu föderalisieren, die NS-Pläne, die Tschechen zu germanisieren oder auszusiedeln, bis zu den Nachkriegsbestrebungen, das sog. Sudetenland unter der Anwendung des sog. Rechts auf die Heimat der Verwaltung der von der Sudetendeutschen Landsmannschaft repräsentierten Vertriebenen zu übertragen, die dort ihr Recht auf die Selbstbestimmung anwenden sollten. Die jeweiligen tschechischen Reaktionen waren weniger vielfältig: Meist bestanden sie daraus, die Integrität der historischen Einheit der Länder der böhmischen Krone zu verteidigen, und schwankten zwischen Aufgeschlossenheit den deutschen Klagen gegenüber und einem mehr oder weniger ausgeprägten nationalen Chauvinismus. Versachlicht man die Betrachtung der deutsch-tschechischen Konflikte so, wie es Václav Houžvička tut, dann entpuppt sich das generationenalte Problem als ein recht einfacher und leicht verständlicher Konflikt. Damit leistet Houžvička einen wichtigen Beitrag nicht nur zur Erfassung eines viel beschriebenen aber wenig analysierten Thema, sondern er liefert auch einen hilfreichen und anregenden Beitrag zu künftigen deutsch-tschechischen Diskussionen über die Vergangenheit. Erst in der hier vorgeführten entethnisierten Betrachtungsweise können einzelne Akteure der sog. deutsch-tschechischen Konflikte benannt, ihre Argumente und ihre Handlungen erkannt und die einschlägigen Reaktionen untersucht werden - und damit auch die Beziehungen als Interaktionen beurteilt werden. Damit entsteht ein Geschichtsbild, daß nicht auf vernebelnde Bilder schicksalhaft wirkender nationaler Kräfte beruht, sondern eine konkret durchgezeichnete Darstellung einfach verständlicher politischer Auseinandersetzungen, die im internationalen Leben nicht viel anders aussehen, als wir sie aus dem innenpolitischen Leben Gesellschaft kennen.

© Hans Henning Hahn (Augustfehn)