Kontroverse über die deutsche Bohemistik


Die Zeitschrift OSTEUROPA brachte im Sommer 1998 einen Diskussionsprozeß in Gang, in dem deutsche wie ausländische Fachvertreter engagiert und kontrovers über das Selbstverständnis, notwendige Neuansätze und praktische Verwertbarkeit der deutschen Osteuropaforschung debattierten. Eva Hahns Beitrag zu dieser Debatte war ein Plädoyer für ein kritisches Überdenken der bisherigen deutschen Historiographie zur Geschichte der böhmischen Länder, der in unserer Zeit ungewöhnlich starke emotionale Abwehr unter den deutschen Bohemisten erweckte (siehe dazu http://mitglied.lycos.de/storck/index.htm). In dem im Kölner Verlag WISSENSCHAFT UND POLITIK im Jahre 2000 erschienen Sammelband „Wohin steuert die Osteuropaforschung? Eine Diskussion“ sind die wichtigsten Beiträge dieser Diskussion wiedergegeben worden. Zu jener dramatischen Kontroverse über die deutsche Bohemistik heißt es in der Einleitung zu diesem Band:

„Zum Sonderfall Bohemistik

Auslöser der sehr kontrovers geführten Auseinandersetzungen innerhalb der deutschen Bohemistik war ein Beitrag, der Arbeiten dieser Disziplin als problematisch bezeichnete, und zwar vor allem aus zwei Gründen: Ersten wegen der mangelhaften Auseinandersetzung mit der Vergangenheit dieses speziellen Fachs unter deutschen Osteuropahistorikern; und zweitens wegen der selbstverschuldeten Isolation die die bisherigen Bemühungen begleitet, die deutsche Bohemistik als eine separate Fachdisziplin zu institutionalisieren.

Diese als persönliche Verunglimpfung empfundenen Äußerungen wurden in einer entsprechend persönlichen Replik und mit disziplinarischen Schritten beantwortet über die inzwischen gerichtlich entschieden worden ist. Danach kehrt die Diskussion in ihrem weiteren Verlauf wieder zu der sachlichen Ebene des Diskurses zurück, in dem der leicht ironisch relativierende Blick aus dem Nachbarland Tschechien einen besonderen Akzent setzt. Der Nachweis für die festgestellten Defizite in der historischen Bohemistik wird in einem weiteren Beitrag anhand von zwei Fallbeispielen aus den ‚neuralgischen Phasen’ der deutsch-tschechischen Beziehungsgeschichte geführt, nämlich der Radikalisierung der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei 1918-1938 und der Erforschung der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach 1945.

Eine ‚Replik auf die Replik’ enthält schließlich ein Plädoyer für eine konsequente Absage an alle Überbleibsel der fortwirkenden Traditionen der sudetendeutschen Geschichtsschreibung sowie der Osteuropaforschung zugunsten eines Paradigmenwechsel. In diesem Zusammenhang wird der Vorschlag gemacht, das Paradigma der vermeintlich national unterschiedlichen historischen Perspektiven – ein Residuum der früheren Geschichtswissenschaft – zu ersetzen, und zwar durch ein Konzept, in dem auf der Grundlage voller Gleichwertigkeit deutscher und tschechischer Geschichtsbilder die diskursive Multiperspektivität in der Forschung ebenso gewährleistet ist, wie im deutsch-tschechischen Dialog zur Geschichte der böhmischen Länder.“

(Zit. aus: Wohin steuert die Osteuropaforschung? Eine Diskussion. Herausgegeben von Stefan Creuzberger, Ingo Mannteufel, Alexander Steiniger und Jutta Unser. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 2000, S. 21f.)


Beiträge in OSTEUROPA

Eva Hahn: Deutsche Bohemistik – von außen gesehen (Osteuropa, 4/1999, S. 387-396)

Ferdinand Seibt: Deutschen Bohemistik von innen. Eine Replik auf Eva Hahn: Bohemistik von außen, in: Osteuropa, 6/1999, S. 630-634

Dušan Třeštík: Deutsche Bohemistik - wozu?, in: Osteuropa, 7/1999, S. 730-734

Eva Hahn: Deutsche Bohemistik – wie? (Osteuropa, 9/1999, S. 957-974)

Wilfried Jilge/ Tobias Weger: Stand und Perspektiven der Bohemistik. Anmerkungen zur Kontroverse zwischen Eva Hahn und Ferdinand Seibt, in: Osteuropa, 49/1999, S. 1043-1054

Rainer Ohliger: Osteuropaforschung als „Deutschtumsforschung“? Zwei Debatten von außen betrachtet, in: Osteuropa, 50/2000, S. 1048-1055

Siehe auch bei:
Rainer Ohliger:  Vertreibungsforschung, Ost(europa)forschung, 'Deutschtumsforschung'? Zwei Debatten - ein Konflikt und einige (un)zeitgemaesse Betrachtungen zu Pfingsten

Christopher P. Storck/Matthias Roeser: Abschied vom Elfenbeinturm. Universitäre Osteuropakunde für Arbeitsmarkt und neue Erinnerungskultur, in: Osteuropa, 50/2000, S. 426-432